„Der Erfolg hat mich nicht überrascht“

Hier junge Geflüchtete, die eine Ausbildung machen wollen. Dort das Backhandwerk, das Fachkräfte braucht. Günter Sieke vom Bäckerinnungs-Verband Westfalen-Lippe bringt beide Seiten im BOF-Programm des BMBF zusammen.

Günter Sieke, Bäckerinnungs-Verband Westfalen-Lippe

Günter Sieke ist Diplom-Sozialpädagoge und beim Bäckerinnungs-Verband Westfalen-Lippe Ansprechpartner für Fragen zu Bildung und Demografie im Bäckerhandwerk. Er ist seit über 30 Jahren in der beruflichen Bildung zuhause und Experte für die berufliche Förderung von Jugendlichen und Erwachsenen.

Bäckerinnungs-Verband Westfalen-Lippe

Herr Sieke, warum engagiert sich der Bäckerinnungs-Verband Westfalen-Lippe bei der Integration von Geflüchteten in eine Handwerksausbildung?

Das Bäckerhandwerk in unserer Region benötigt einige hundert Fachkräfte. Seit 2016 versuchen wir nicht nur Auszubildende über die Schulen zu gewinnen, sondern suchen nach weiteren Möglichkeiten, junge Menschen anzusprechen und für eine Ausbildung zu begeistern. Die Integration von Geflüchteten über eine Ausbildung im Handwerk sehen wir als große Chance für das Bäckerhandwerk. Das BOF-Programm des BMBF kam gerade recht.

Wie kommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Ihnen? Mit wem arbeiten Sie bei der Gewinnung von BOF-Teilnehmenden zusammen?

Anfang 2017 hatten wir ein Round-Table-Gespräch in unserer Bäckerfachschule. Wir haben die Verantwortlichen der Städte Attendorn, Drolshagen, Olpe und Lennestadt sowie Jobcenter und Arbeitsagentur an einen Tisch geholt und haben die in drei Monaten startende BOF-Maßnahme vorgestellt. So wussten alle Bescheid und konnten ihren Beitrag leisten.

Der Erstkontakt mit Geflüchteten sieht meistens so aus, dass potenzielle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich in der Schule informieren und eine Backstube mal von innen erleben. Vor der jetzigen Maßnahme haben wir mit einer Gruppe Geflüchteter einen Schnuppernachmittag in der Backstube gemacht. Dort kommen die Interessenten schon einmal in Kontakt mit Teig, Ofen und dem Backen an sich.

Neben den Agenturen für Arbeit und Jobcentern haben wir auch Kontakt zu den Kommunen und denjenigen, die dort Flüchtlingsarbeit leisten. Geflüchtete, die in die kommunale Beratung kommen, werden an uns weiterverwiesen. Judith Schulte, Sozialarbeiterin der Stadt Olpe, hat einige Geflüchtete beraten und an uns weiterverwiesen. Einige Geflüchtete wurden auch durch Ehrenamtliche betreut und begleitet.

Auch freie Träger, die vor Ort Flüchtlingsarbeit machen, gehören zu unserem Netzwerk – ebenso wie Berufskollegs mit den Abgangsklassen. Nicht zuletzt kommen Teilnehmer auch über Sprach- und Integrationskurse zu uns. Im Laufe der Zeit ist ein großes Netzwerk entstanden, auf das wir uns bei der Ansprache von Geflüchteten stützen können.

Wie läuft der Austausch zwischen Ihnen und den Betrieben ab?

Durch die Beratungsarbeit unseres Verbandes besteht ein ständiger und intensiver Kontakt zu den Betrieben. Im Rahmen dieser Vernetzung findet ein Austausch zu verschiedenen Themen statt. Die Bäckereien kennen mich, sie kennen die Bäckerfachschule, sie kennen den Bäckerinnungsverband. Sie müssen sich das vorstellen wie eine große Familie, in der jeder jeden kennt. Man sieht sich auf verschiedenen Veranstaltungen, etwa Freisprechungsfeiern. Da trifft man sich und kommt ins Gespräch. So entsteht ein regelmäßiger Austausch. Der persönliche Kontakt zu den Betrieben ist entscheidend dafür, dass junge Menschen in Ausbildung vermittelt werden.

Welche Betriebe zeigen ein Interesse an den Teilnehmenden der Maßnahme? Wie sehen die einzelnen Schritte der Zusammenarbeit zwischen einem interessierten Betrieb und Ihnen aus?

Das sind alle Betriebe, die Auszubildende suchen. Der Erstkontakt bei der konkreten Zusammenarbeit läuft in der Regel über mich. Ich bringe den Geflüchteten und den Betrieb zu einem Vorstellungsgespräch für das Praktikum zusammen. Die Ausbildung wird von mir in den ersten sechs Monaten nachbetreut.

Wie werden Ausbilderinnen und Ausbilder auf die Arbeit mit Geflüchteten vorbereitet?

Die Bäckereien haben sich aufgrund des Bedarfes an Auszubildenden und Fachkräften mit dem Thema beschäftigt. Deutlich wurde der Fachkräftebedarf auf diversen Veranstaltungen, auf denen ich als Bildungs- und Demografieberater von den Betrieben auf Fachkräftegewinnung angesprochen wurde. Wir als Verband haben das Thema auch nach vorne gebracht, indem wir in Schreiben, in E-Mails oder auf Veranstaltungen die Bäckereien für dieses Thema sensibilisiert haben. Beispielsweise habe ich auf Innungsversammlungen speziell zu BOF referiert und für BOF geworben.

Viele Teams sind in den Backbetrieben sind seit langer Zeit multikulturell. Aus diesem Grund sind die Ausbilderinnen und Ausbilder sehr erfahren in dieser Hinsicht.

Welche Voraussetzungen müssen Geflüchtete mitbringen, damit sie mit Aussicht auf Erfolg an der Maßnahme teilnehmen können?

Ganz wichtig ist die Sprache. Darauf legen wir sehr großen Wert. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben 10 Stunden in der Woche intensives Sprachtraining. Außerdem wird jeden Tag das Berichtsheft geschrieben, genauso wie später in der Ausbildung. In der letzten halben Stunde setzen sich Ausbilder und Teilnehmer zusammen, wiederholen den Tag, fassen das Wichtigste zusammen und tragen es dann ins Berichtsheft ein.
Auch durch den Umgang mit Rezepturen haben die Teilnehmenden ständigen Kontakt mit der deutschen Sprache. Wie man im Film sieht, werden Fachbegriffe auch über Fotos vermittelt. So wissen die Teilnehmenden, wenn sie in einer Bäckerei arbeiten und beispielsweise von einem Schneebesen die Rede ist, um welches Gerät es sich handelt.

Was auffällt: Die Teilnehmenden sind mit einem Durchschnittsalter von 24 Jahren noch sehr lernfähig. Es ist erstaunlich, welche Fortschritte sie nach nur wenigen Wochen machen. Wir halten die Teilnehmenden an, immer Deutsch zu sprechen. Da tut sich in kurzer Zeit eine ganze Menge.

Neben der Sprache ist auch Mathematik wichtig. Auch hier sollten elementare Kenntnisse vorhanden sein. Es gibt einige Teilnehmer, die sich da schon noch schwertun, weil in ihren Herkunftsländern das Schulwesen nicht so ausgeprägt ist oder die Teilnehmer nur ein paar Jahre zur Schule gegangen sind. Deswegen ist es wichtig, auch an diesen Lücken noch zu arbeiten.

Welche Unterstützungsangebote gibt es für Teilnehmerinnen und Teilnehmer?

Während der Ausbildung versuchen wir anzuregen, dass ausbildungsbegleitende Hilfen in Anspruch genommen werden. Diese Möglichkeit finde ich wichtig. Dazu gehört einmal die Woche Nachhilfe, begleitend zur Berufsschule. Dazu gehört aber auch die Begleitung durch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Die Angebote werden von unseren Betrieben gut angenommen und unterstützt. Außerdem findet häufig Nachhilfe in den Bäckereien durch Meister oder Kolleginnen und Kollegen statt.

Was die Maßnahme angeht, so haben wir durch die geänderten Zuwendungsbestimmungen künftig die Option, die Dauer auszudehnen. Das ist, wie ich finde, eine gute Sache. Neun Wochen Werkstatttage waren knapp. Wir wollen ja letzten Endes auch, dass die Teilnehmenden anschließend in der Ausbildung auch durchhalten und nicht einknicken, dass sie in der Berufsschule klarkommen. Da finde ich es schon gut, dass man jetzt ein bisschen mehr Zeit hat, gerade auch, um die Sprachkenntnisse zu festigen.

Sie haben bereits im Frühjahr eine BOF-Maßnahme durchgeführt? Wie bewerten Sie den Erfolg und was machen die Teilnehmenden jetzt?

Der Erfolg hat mich nicht überrascht, weil wir ja wussten, dass viele Bäckereien junge Leute suchen, die sie ausbilden möchten. Von 12 Geflüchteten sind mit Ausnahme eines Teilnehmers alle bis zum Schluss dabeigeblieben. Die anderen 11 haben aber alle durchgehalten, und von diesen haben dann auch neun ein Ausbildungsangebot erhalten. Von diesen sind derzeit noch sechs Teilnehmer in Ausbildung oder EQ. Beim derzeitigen Kurs bin ich guter Dinge, dass wir da auch eine gute Quote erreichen werden. Wir sind mit 12 Teilnehmern gestartet, alle sind regelmäßig dabei, keiner ist bislang abgesprungen.

Gab es Veränderungen in der Bäckerfachschule durch die Durchführung der BOF-Maßnahmen, und wenn ja, welche?

Nicht beim ersten Kurs im Frühjahr 2017. Beim jetzigen Kurs waren die Mitarbeiter und ich selbst etwas skeptisch, ob die Maßnahme gut funktioniert, vor allen Dingen in Bezug auf die Fahrten vom gemeinsamen Treffpunkt in Recklinghausen zur Schule in Olpe. Von diesem Punkt abgesehen: Sowohl der erste Kurs als auch der jetzige sind voll integriert. Das läuft super. Die Teilnehmenden treffen sich beim Frühstück, Mittagessen, Abendessen. So bekommen sie mit, wie unser Bildungssystem funktioniert, und kommen in Kontakt mit anderen Auszubildenden, mit Gesellen und Meisterschülern.

Möchten Sie noch etwas besonders hervorheben?

Ich habe es bereits erwähnt: Die Möglichkeit der Verlängerung der Maßnahme halte ich für sehr sinnvoll. Wir hoffen, dass wir Mitte Februar mit einem neuen Kurs starten können.

Berufsorientierung für Flüchtlinge (BOF) an der Ersten Deutschen Bäckerfachschule Olpe

Die Erste Deutsche Bäckerfachschule in Olpe ist die älteste Bäckerfachschule in Deutschland. Sie gehört den Innungsbetrieben des Verbandes Westfalen-Lippe. In Olpe finden Meisterkurse und die überbetriebliche Unterweisung von ca. 2.000 Auszubildenden aus den rund 650 Betrieben der Region Westfalen-Lippe statt. Die Schule verfügt über ein Internat mit 120 Betten, das auch von Teilnehmenden des BOF-Programms genutzt wird.

Die erste BOF-Maßnahme wurde mit Geflüchteten aus Olpe und Umgebung von April bis Juli 2017 durchgeführt. Damit war der Fachkräftebedarf bei den Bäckereien im Kreis Olpe für dieses Jahr gedeckt. In der zweiten Maßnahme befinden sich neben zwei Teilnehmern aus Olpe junge Geflüchtete aus dem Ruhrgebiet. Montagmorgens um 6:30 Uhr werden die Teilnehmenden an einem Treffpunkt in Recklinghausen abgeholt – am Freitagnachmittag um 14 Uhr geht es wieder zurück.