„Hol mir mal die Nuss, du Nuss“

Wissenschaft und Praxis setzten sich mit den Möglichkeiten berufsbezogener Sprachvermittlung im Programm „Berufsorientierung für Flüchtlinge“ (BOF) in einem Workshop im Bundesministerium für Bildung und Forschung am 09.10.2018 auseinander.

Zwei Teilnehmer stehen an einer Tafel.

BOF / BMBF Fotograf: Fulvio Zanettini

„Hol mir mal die Nuss, du Nuss“ – auch solche umgangssprachlichen Äußerungen müssen Geflüchtete verstehen, um für eine Ausbildung und die Praxis gewappnet zu sein. In BOF-Kursen werden sie daher zusätzlich zum praktischen Ausprobieren sprachlich und fachlich gezielt auf den angestrebten Ausbildungsberuf im Handwerk vorbereitet. In dem Workshop am 09.10.2018 mit BOF-Projekten und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern stand die gemeinsame Vermittlung von Sprache und Fachwissen in BOF-Kursen im Mittelpunkt. Die (Steck-)Nuss steht umgangssprachlich für das flexibel einzusetzende Werkzeugteil eines Steckschlüssel-Satzes. „Du Nuss“ ist ein sprachliches Beispiel für den manchmal etwas raueren Ton in einem Betrieb, den gerade Nicht-Muttersprachler erst verstehen und einordnen lernen müssen.

„Sprachvermittlung ist ein ganz zentrales Standbein der Integration“, so Dr. Ingo Böhringer, Referatsleiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Zur Weiterentwicklung des BOF-Programms sei es wichtig, die Projekte bei der integrierten Sprach- und Fachvermittlung zu unterstützen. Die Förderrichtlinie verzichte hier bewusst auf detaillierte Vorgaben und schaffe so Freiräume für die Verantwortlichen vor Ort.

BOF-Projekte betreten Neuland

Anke Settelmeyer, Wissenschaftlerin im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), erläutert, dass eine integrierte Sprach- und Fachvermittlung im BOF wegen der verschiedenen Lernorte sehr anspruchsvoll ist: Fachinhalte sind in den Sprachunterricht einzubringen, sprachbewusster Fachunterricht und sprachbewusstes Arbeiten in der Werkstatt und im Betrieb umzusetzen. Laut Settelmeyer betreten die BOF-Projekte damit Neuland, denn hierzu gibt es für diese Zielgruppe bislang kaum Erfahrungswerte in der Berufsorientierung und -vorbereitung.

Settelmeyer leitet die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegebene fünfmonatige Expertise zum Thema „Didaktisch-methodische Konzepte zu integriertem Sprach- und Fachlernen zur Berufsorientierung und Vorbereitung von Geflüchteten auf eine duale Ausbildung“. Mit der Expertise werden vorhandene Konzepte zur integrierten Sprach- und Fachvermittlung im BOF-Programm und darüber hinaus erfasst und analysiert. Der Abschlussbericht wird – neben den wissenschaftlichen Ergebnissen – auch Handlungsempfehlungen für die Praxis umfassen.

Absprachen zwischen Ausbilder, Fach- und Sprachlehrkraft sind besonders wichtig

Eine Befragung der BOF-Träger zur Sprachvermittlung an ihren Standorten ergab, dass der fachliche Austausch zwischen den Ausbilderinnen und Ausbildern und den Fach- und Sprachlehrkräften ein entscheidender Faktor bei der Umsetzung ist. Solche Absprachen finden zum Teil institutionalisiert durch wöchentliche Treffen aller Beteiligten statt. Sie entstehen aber auch häufig informell. Das geht besonders leicht, wenn Werkstätten und Theorieräume nahe beieinanderliegen.

Größte Herausforderung ist die Heterogenität

Die von den BOF-Projekten am häufigsten genannte Herausforderung bei der Vermittlung berufsbezogener Sprache ist die Heterogenität der Zielgruppe. Große Unterschiede bestehen nicht nur hinsichtlich des deutschen Sprachniveaus, sondern auch bezüglich Lerntypus, Herkunftsländern und Bildungsbiografie. Mit der heterogenen Zielgruppe geht man an den BOF-Standorten unterschiedlich um. Während ein Projektträger besonders gute Erfahrungen mit gemischt leistungsstarken Gruppen hat, favorisieren andere eine möglichst leistungshomogene Gruppe.

Ein Blick nach Österreich und Schweden

Das Forschungsteam des BIBB befragte nicht nur die BOF-Projekte, sondern recherchierte auch Konzepte der Sprachförderung zur Integration in Ausbildung und Beschäftigung anderer Bundes- und Landesprogramme. Zusätzlich im Fokus: Erfahrungen anderer europäischer Länder mit einer hohen Anzahl aufgenommener Geflüchteter. Dr. Gesa Münchhausen resümierte, dass auch in Österreich und Schweden Maßnahmen der kombinierten Fach-Sprachvermittlung umgesetzt werden und die didaktisch-methodischen Elemente vergleichbar mit denen in Deutschland sind.

In Schweden werden unter kommunaler Verantwortung 2- bis 3-jährige Kompaktprogramme zur Integration durchgeführt, die Sprachunterricht mit arbeitsmarktbezogenen Schulungs- und Fördermaßnahmen verbinden. Mit dem Instrument des „Snabbspår“ (Schnellspur) werden in Schweden Geflüchtete gezielt für Mangelberufe ausgebildet (zum Beispiel im Bereich Hotel und Gastronomie). Österreich führt u.a. Kurse durch, die auf verschiedene Berufe vorbereiten, inklusive berufsbezogener Sprachförderung.

Systematische Herangehensweise ist erforderlich

Gemeinsam mit der Expertin Jana Laxczkowiak aus der IQ Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch sammelten die Teilnehmenden des Workshops Anlässe und Situationen, in denen Geflüchtete in einer BOF-Maßnahme sprachlich handeln müssen. Dies sind zum Beispiel „ein Lerntagebuch führen“ oder „einen Arbeitsauftrag erhalten“.

Für die Umsetzung von integriertem Fach- und Sprachlernen ist im Vorfeld ein didaktisch-methodisches Konzept zu erstellen. Ziel sollte unter anderem sein, im Fachunterricht möglichst viele Sprachanlässe anzubieten, so Laxczkowiak. Zudem sei es erforderlich, die sprachlichen Anforderungen der jeweiligen Situation zu reflektieren, um Lernziele zu definieren und die methodisch-didaktische Vorgehensweise der Vermittlung zu planen. Dies wurde mit den Teilnehmenden am Beispiel „Verstehen einer Arbeitsschutzanweisung“ durchgesprochen. Zur Vertiefung verwies Lacxzkowiak auf die Fortbildungsangebote des IQ-Programms zum Thema „Berufsbezogenes Deutsch“ und auf Literatur zum Integrierten Fach- und Sprachlernen.

Die Ergebnisse der Befragung und der Recherche zu vorhandenen Konzepten zum Thema können Ende 2018 im Abschlussbericht der Expertise hier nachgelesen werden. Über das Erscheinen der Expertise wird der Newsletter der Programmstelle Berufsorientierung im BIBB berichten.


Weiterführende Links, auf die im Workshop verwiesen wurde:

Gesamtprogramm Fortbildungen Berufsbezogenes Deutsch (bundesweit, alle IQ Landesnetzwerke):

https://www.deutsch-am-arbeitsplatz.de/fileadmin/user_upload/PDF/09_Fortbildungen/IQ_FOR_3.PDF

Flyer zum aktuellen Angebot „Sprachsensibler Fachunterricht“:

https://www.deutsch-am-arbeitsplatz.de/fileadmin/user_upload/PDF/09_Fortbildungen/Hamburg/2018-06-08_Flyer_SFU.pdf

Informationen zum Format „Sprachsensibler Fachunterricht“ der Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch:

https://www.deutsch-am-arbeitsplatz.de/fachstelle/publikationen-der-fachstelle.html

Text von Prof. Josef Leisen über sprachsensiblen Fachunterricht:

http://download.sprachsensiblerfachunterricht.de/

Vortrag von Verena Plutzar zum „Sprachenlernen nach der Flucht“:

https://www.youtube.com/watch?v=yfrHjmzXVKg&feature=youtu.be