Produktionsschule Plus in Mecklenburg-Vorpommern

Das Projekt „Produktionsschule Plus“ unterstützt junge Asylbewerberinnen und ‑bewerber sowie Migrantinnen und Migranten dabei, sich sozial zu integrieren, die Sprachkenntnisse zu verbessern und eine berufliche Ausbildung aufzunehmen.

Ein Ausbilder zeigt einem Teilnehmer das Sägen von einer Metallstange.

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Laufzeit: 01.08.2016 bis 31.12.2018

Im Pilotprojekt „Produktionsschule Plus“ erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer neben praktischer Berufsorientierung ein individuelles Kompetenztraining, intensives Sprachtraining sowie ein sozialpädagogisches Betreuungsangebot. Am Ende des Projektes haben sie eine klare berufliche und soziale Perspektive.

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und wurde im Rahmen der Bildungsketten-Initiative mit dem Land Mecklenburg-Vorpommern vereinbart.

Es findet in den Produktionsschulen in Mecklenburg-Vorpommern statt und lehnt sich entsprechend an deren pädagogisches Konzept an. Produktionsschulen verbinden berufliches und soziales Lernen mit erwerbsorientierter Produktion und Dienstleistung.

Was sind Produktionsschulen?

Produktionsschulen sind Bildungseinrichtungen, die sich durch eine Verschränkung beruflicher Qualifikation mit erwerbsorientierter Produktion kennzeichnen. Sie enthalten ein Betriebsmodell, in dem Arbeits- oder Produktionsprozesse nach didaktischen Gesichtspunkten gestaltet sind.

Das pädagogische Handeln der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist geprägt durch eine respektvolle Haltung gegenüber der Person und ihrem Lebensentwurf. Dies bedeutet: empathische Zuwendung, nachvollziehbare Grenzziehung und Orientierung an Erfolg und Stärken.

In Deutschland existiert noch kein einheitlicher Typus von Produktionsschulen; gleichwohl gibt es übertragbare Gemeinsamkeiten. So kann in Produktionsschulen die Schulpflicht der allgemein bildenden Schule bzw. der Berufsschule erfüllt werden. Produktionsschulen nehmen in einigen Bundesländern von Ausgrenzung bedrohte Schülerinnen und Schüler („Schulverweigerer“) ab Klasse 8 auf, bereiten sie auf die Rückkehr in Regelschulen vor und/oder vermitteln ihnen außerhalb des Regelschulangebotes einen staatlichen Schulabschluss. Produktionsschulen bieten auch den nicht mehr schulpflichtigen, noch nicht „ausbildungsreifen“ jungen Menschen, die im ersten Arbeitsmarkt weder eine Berufsausbildung noch eine Beschäftigung finden oder eine Ausbildung abgebrochen haben, arbeitsmarkt- und -rechtliche Anschlussperspektiven. Produktionsschulen können auch als außerbetriebliche Ausbildungsstätten und als „soziale Betriebe“ des zweiten Arbeitsmarktes im Rahmen der Nachqualifizierung fungieren. In Produktionsschule lernen und arbeiten Jugendliche und junge Erwachsene – darunter auch Geflüchtete und Asylbewerberinnen und ‑bewerber zwischen 14 und 27 Jahren.

Quelle: Bundesverband Produktionsschulen

Zielgruppe

Teilnehmerinnen und Teilnehmer sitzen in einem Klassenraum.

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Die Zielgruppe entspricht im Wesentlichen den Aufnahmekriterien der Produktionsschule: junge Menschen, die eine intensive Unterstützung und Begleitung zur sozialen und beruflichen Integration benötigen. Hinzu kommen individuelle und soziale Hilfebedarfe, wie z.B.:

  • traumatische Fluchterfahrungen
  • Verlust der Familie
  • Kriegstraumata
  • mühsame Neuorientierung im fremden Land mit fremder Kultur
  • ungenügende Rechtskenntnisse
  • geringes Bildungsniveau auf Grund mangelnder Schulbildung im Herkunftsland

Die Zielgruppe zeichnet sich durch eine hohe Bereitschaft zum Erwerb der deutschen Sprache als Grundvoraussetzung zur beruflichen Integration aus. Bereits bestehende schulische und berufliche Qualifikationen aus dem Herkunftsland finden Berücksichtigung bei der individuellen Förderplanung.

Details zur Zielgruppendefinition

Grundlage für die Zielgruppendefinition des Projekts „Produktionsschule Plus“ bildet die Bildungsketten-Vereinbarung zwischen Bund, Bundesagentur für Arbeit und dem Land Mecklenburg-Vorpommern. Sie berücksichtigt die Produktionsschulen und den Ansatz des Projektes „Produktionsschule Plus“ wie folgt:

„Wenn die in der Person nichtdeutscher Herkunftssprache liegenden Gründe erwarten lassen, dass die o. g. vorrangigen Übergangsmaßnahmen (Berufsvorbereitungsjahr für Aussiedler, Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme, Einstiegsqualifizierung) nicht greifen werden und die Zugangsvoraussetzungen für die Aufnahme in eine Produktionsschule erfüllt sind, steht das Angebot der Aufnahme in eine der fünf im Land arbeitenden Produktionsschulen den Personen grundsätzlich offen.

Der Bund beteiligt sich nach Prüfung eines entsprechenden Konzeptes mit Sondermitteln des Berufsorientierungsprogramms im Rahmen der bestehenden Gesamtplatzkapazitäten der Produktionsschulen an der Finanzierung des migrationsspezifischen Mehrbedarfs für Personen mit nichtdeutscher Herkunftssprache, die das 18. Lebensjahr erreicht haben.“

Durchführung

Das Projekt findet an den fünf Standorten der Produktionsschulen in Mecklenburg-Vorpommern statt. Die Teilnehmenden können die Produktionsschule insgesamt ein Jahr besuchen. Sie durchlaufen dabei drei Phasen: die Einstiegsphase (4-6 Wochen), die Qualifizierungsphase (40-60 Wochen) und die Abschlussphase (bis zu 12 Wochen).

Einstiegsphase

In der Einstiegsphase (4 – 6 Wochen) geht es um die Integration der Teilnehmenden in die Produktionsschule. Sie lernen die Werkstattpädagogen und ‑bereiche und die Gruppe der anderen Produktionsschülerinnen und -schüler kennen. Auch der Sozialpädagoge bzw. die Sozialpädagogin baut den Kontakt mit den Teilnehmenden bereits am ersten Tag des Besuches in der Produktionsschule auf.

Ein Ausbilder zeigt einer Teilnehmerin etwas am Computer. In seiner rechten Hand hält er ein Tablet.

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Die Teilnehmenden durchlaufen eine nonverbale Kompetenzfeststellung über das Potenzialanalyseverfahren Profil Match. Es entsteht ein Stärkenprofil, welches wiederum Grundlage für individuelle Zielvereinbarungen für den Zeitraum des Besuches der Produktionsschule ist. Diese Zielvereinbarungen enthalten geplante messbare Entwicklungsschritte und konkrete Maßnahmen zur beruflichen und sozialen Integration.

In der Sprachwerkstatt werden die sprachlichen Fähigkeiten der Teilnehmenden analysiert. Ausgehend von den Ergebnissen werden Lernziele festgelegt und im Sprachunterricht umgesetzt.

Qualifizierungsphase

In der Qualifizierungsphase (40 – 60 Wochen) werden grundlegende sprachliche, soziale und berufsbezogene Kompetenzen entwickelt und gefestigt. Der Fokus liegt darauf, die Berufswahlkompetenz zu fördern und den jungen Erwachsenen Orientierungshilfe im Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu geben.

Aufgabenfelder, Produkte und Dienstleistungen werden in der Regel in Teamarbeit realisiert. Gute Beispiele sind die tägliche Mittagsversorgung und hausinterne Aufträge zur Sicherung der Arbeitsfähigkeit der Werkstätten. Externe Aufträge und Großprojekte wie Projekte im Bereich Tierpark, Straußenfarm und Spielplatzanlagen erfordern immer ein Miteinander unter den einzelnen Werkstattbereichen. So bietet das Arbeiten im Produktionsschulverbund Raum für soziales Lernen. Der Lernort Werkstatt ist ideal dafür geeignet, diesbezügliche Angebote zu arrangieren.

Ein junger Gärtner scheidet mit einer Heckenschere eine Hecke in einem Park.

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Die Teilnehmenden lernen bewusst, kulturelle Prägungen wahrzunehmen und eigene Werte zu relativieren. Es ist nicht auszuschließen, dass individuelle Wert-, Religion- und Kulturvorstellungen zu Spannungen in der Gruppe bzw. unter den jungen Menschen in der Produktionsschule oder in den Betrieben führen. Diese werden wahrgenommen und offen bearbeitet.

Einmal wöchentlich gehen die Teilnehmenden für einen ganzen Tag in die Sprachwerkstatt, um – angepasst an den individuellen Kenntnisstand – ihr Deutsch zu verbessern. An den anderen Tagen ist der Sprachlehrer oder die Sprachlehrerin mit in der Produktionsschule bzw. im Praktikumsbetrieb und unterstützt vor Ort.

Kriegs- und Fluchterfahrungen, der Verlust der Familie, das Ankommen in einem fremden Land, in unbekannten Sozialräumen, ein neues Rechts-, Kultur- und Sozialsystem – das alles prägt geflüchtete Menschen. Im Projekt unterstützen sozialpädagogische Fachkräfte durch Beratung, Begleitung und Vermittlung die Geflüchteten bei der sozialen Integration und helfen ihnen, traumatische Erfahrungen zu überwinden. In Einzelfällen wird die Hilfe von anderen Institutionen, wie ärztliche oder psychologische Einrichtungen oder Beratungsstellen, hinzugezogen.

Bildausschnitt: Ein Mann presst seine Finger gegeneinander. Ein weiterer Mann füllt einen Fragebogen aus.

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Zusätzlich zu und in enger Abstimmung mit den Werkstattpädagoginnen und -pädagogen bieten die sozialpädagogischen Fachkräfte ein individuelles Beratungsangebot. Alle Teilnehmenden können dieses Angebot wöchentlich 4 Stunden nutzen.

Gleichzeitig leisten die Sozialpädagoginnen und ‑pädagogen wichtige Aufklärungsarbeit außerhalb der Produktionsschule und innerhalb des persönlichen Umfeldes des Flüchtlings.

Sie sind die persönlichen „Kümmerer“. Sie stellen Kontakt zu örtlichen Vereinen und ehrenamtlichen Initiativen her und organisieren Aktivitäten wie gemeinsame Kochabende, Fußballspiele oder Themenabende z.B. über Herkunftsländer.

Abschlussphase

In der Abschlussphase (bis zu 12 Wochen) tragen die Teilnehmenden Bewerbungsunterlagen zusammen, schreiben Lebensläufe und üben Bewerbungsgespräche. Neben gängigen Maßnahmen des Bewerbungscoachings vermitteln die Pädagogen und Pädagoginnen Wissen über betriebliche Abläufe, rechtliche Rahmenbedingungen und das Ausbildungssystem in Deutschland.

Zeitgleich unterstützen sie die Teilnehmenden dabei, persönliche Kontakte zu potenziellen Ausbilderinnen und Ausbildern sowie Betrieben herzustellen. Die Produktionsschülerinnen und ‑schüler besuchen regelmäßig Betriebe und Informationsveranstaltungen von Unternehmen, beruflichen Schulen und Jobbörsen und absolvieren ein bis zwei Praktika. Die betriebspraktische Phase dauert sechs Wochen.


Bisherige Erfahrungen

Die Teilnehmenden profitieren nicht nur hinsichtlich ihrer beruflichen Orientierung und der Definition individueller Ziele und Berufswünsche. Durch die Teilnahme an der Sprachwerkstatt sowie durch den alltäglichen Gebrauch der deutschen Sprache in den Werkstätten verbessern sich die Sprachkenntnisse der Teilnehmenden spürbar. Bemerkenswert ist die hohe Motivation der Geflüchteten beim Erlernen der deutschen Sprache.

Die Teilnehmenden erwerben durch die sozialpädagogische Unterstützung die Fähigkeit, alltägliche Angelegenheiten eigenständig beziehungsweise mit weniger Hilfe zu erledigen – zum Beispiel ein Bahnticket kaufen, ein Paket versenden oder behördliche Angelegenheiten regeln. Auch die Freizeitgestaltung der Produktionsschülerinnen und -schüler kann bereichert werden, etwa durch freundschaftliche Kontakte zu anderen Schülerinnen und Schülern oder auch durch z.B. Unterstützung bei der Organisation von Sportangeboten.

Viele Teilnehmende können mit der Teilnahme am Projekt einen bedeutenden Schritt aus der Isolation gehen. Einige äußern das Gefühl, in der Produktionsschule Freunde gefunden zu haben und in Deutschland positiv aufgenommen worden zu sein. Als besonderen Mehrwert stellt sich die interkulturelle Bildung nicht nur für die Teilnehmenden des Projekts, sondern auch für die anderen Produktionsschülerinnen und ‑schüler heraus. So entstehen Anlässe zum politischen und religiösen Gedankenaustausch und zur Meinungsbildung.

Weitere Informationen zur „Produktionsschule Plus“ in Mecklenburg-Vorpommern

Kontakt

Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands e. V.
Kornelia Hennek
Tel.: 03991 / 6732 - 0
E-Mail: kornelia.hennek@cjd.de
URL: www.cjd.de