Flüchtlingsprojekte der Initiative Bildungsketten

Die Projekte finden meist an beruflichen Schulen in den Ländern statt und haben einen hohen Praxisanteil. Neben Berufsorientierung vermitteln sie Sprache und Kultur und unterstützen bei behördlichen Angelegenheiten sowie Konfliktbewältigung.

Ein junger Mann arbeitet an einer Arbeitsmaschine in einer Tischlerei.

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Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert im Rahmen der Initiative „Abschluss und Anschluss – Bildungsketten bis zum Ausbildungsabschluss“ (kurz: Initiative Bildungsketten) in sieben Bundesländern verschiedene Berufsorientierungsprojekte für Geflüchtete und neu Zugewanderte. Begleitet werden die Projekte von der Programmstelle Berufsorientierung im Bundesinstitut für Berufsbildung.

Hier erfahren Sie mehr über die einzelnen Bildungsketten-Projekte für Geflüchtete.


Bisherige Erfahrungswerte  aus den Projekten

Was läuft gut bei den Flüchtlingsprojekten der Initiative Bildungsketten und wo liegen die Herausforderungen? Die Projektträger sollen untereinander von ihren Erfahrungen profitieren. Zu diesem Zweck sind im Folgenden verschiedene Rückmeldungen zusammengestellt.

Projektarbeit

  • Projekte sind nur dann erfolgreich, wenn die Projektträger vor Ort ein Netzwerk mit Wirtschaft, Verwaltung, Übergangssystem und Ehrenamt aufbauen oder ein vorhandenes nutzen können.
  • Es bedarf großer Transparenz, einer fortlaufenden Kommunikation mit allen Beteiligten sowie feste Kontaktpersonen (insbesondere für die jungen Geflüchteten) vor Ort.
  • Die Bedarfe und Anforderungen der Betriebe müssen sorgfältig mit den Wünschen und beruflichen Zielen der Geflüchteten und den Kenntnissen des Lehrpersonals in den Integrationsklassen in Einklang gebracht werden.
  • Die Situation vor Ort hat einen großen Einfluss auf die Umsetzung von Konzepten. Die Durchführung wurde eher als dialogischer Prozess betrachtet, von dem alle Akteure wechselseitig profitierten.
  • Teilweise ist die Fluktuation in den Klassen eine Herausforderung. Häufig finden Wechsel durch Verlegungen oder Abschiebungen statt.

Gewinnung von Teilnehmenden

  • Je nach Projektstruktur bedarf es zur Gewinnung von Teilnehmenden eine aktive Netzwerkarbeit, bei der das Projekt intensiv bei den Sozialpartnern wie Jobcenter, Jugendmigrationsdienst, Beratungsstellen und Vereinen für Migrantinnen und Migranten, Betrieben etc. vorgestellt werden muss. Auch eine Zusammenarbeit mit den Gemeinschaftsunterkünften ist sinnvoll.
  • Insbesondere beim Programm BEF Alpha übersteigt die Nachfrage das Angebot. BEF Alpha ist ein niederschwelliges Angebot, an dem Analphabetinnen und Analphabeten teilnehmen können. In dem Nachfrageüberhang spiegelt sich wider, dass nach Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vom Juni 2016 etwa 20 bis 25 Prozent der erwachsenen Geflüchteten nur einen geringfügigen oder gar keinen Schulbesuch aufweisen.

Potenzialanalyse

  • Potenzialanalysen mit handlungsorientierten Aufgaben führen zu verwertbaren Ergebnissen. Sowohl die Einzel- als auch die Gruppenaufgaben sind dabei sehr aufschlussreich. Die sprachfreien bilderbasierten Instruktionen ermöglichten es den Teilnehmenden, ihre Stärken und Kompetenzen trotz sprachlicher Barrieren zu zeigen.
  • Auch Biografie-orientierte Verfahren dienen als Instrument zur Mobilisierung der eigenen Ressourcen. Dabei stehen die Biografie der Teilnehmenden sowie wichtige Lernerfahrungen und Entscheidungssituationen im Mittelpunkt. Die Erfahrung der Migration wird als Bereicherung erlebt und nicht als Konflikt.
  • Sensibel muss mit dem Sachverhalt der „Beobachtung“ umgegangen werden, da er einigen Teilnehmenden Unbehagen bereitet. Das Beobachten wird im Einzelfall mit Observation, Verfolgung und Sanktionen verknüpft (Erfahrung aus Krisengebieten). Solche Assoziationen können Leistungsdruck und stark angepasstes Verhalten befördern. Beobachtungen sind stets eine Momentaufnahme. Sie sollten – insbesondere vor dem Fluchtkontext – mit großer Vorsicht gespiegelt werden („Feedbackgespräch als Königsdisziplin“ der sozialpädagogischen Einzelarbeit). In begründeten Einzelfällen sind Beobachtungsergebnisse nicht verwertbar, da sie tatsächliche Kompetenzen (z. B. bei Traumatisierung) nicht spiegeln können. Beobachtungen in einer sehr frühen Phase von Integration (bei geringen Deutschkenntnissen) können ebenfalls wenig aussagefähig, gelegentlich auch kontraproduktiv sein. Kompetenzen werden aus dem Verständnis einer deutschen Sozialisation beobachtet, wobei eine Kompetenz in anderen Kulturkreisen eine andere Bedeutung und Bewertung haben kann (z. B. Eigeninitiative). Interpretationen von Verhaltensweisen sind grundsätzlich zu unterlassen, wie es auch in den Standards der systematischen Beobachtung festgehalten ist.
  • Geflüchtete, die eine Zeitlang in Deutschland Sozialisation erfahren haben, haben eher die Chance zu wissen und zu verstehen, welcher Wert einer Kompetenz zugeordnet wird.
  • Die Beobachtungen wurden im Wesentlichen gemäß den Qualitätsstandards des BMBF (Beobachterschlüssel, Kriterien, Selbst- und Fremdbeobachtung) umgesetzt. Anstelle definierter Übungstypen wie Präsentation, Logik oder Konstruktion in Potenzialanalysen kann auch die konkrete Arbeitssituation bei der Produkterstellung begleitend und ausschnittweise beobachtet werden.
  • Die Angaben bei der Selbsteinschätzung sollten kritisch und sensibel ausgewertet werden. Trotz leichter Sprache, Abbildungen und umfangreichen Anleitungen stellt dieser Teil der Potenzialanalyse eine große Hürde für Geflüchtete dar. Teilweise geben Jugendliche an, wie sie gerne wären („Wunschdenken“), andere hingegen sind gut in der Lage, sich selbst zu bewerten. Männliche Geflüchtete schätzen ihre eigenen Kompetenzen tendenziell hoch ein. Hintergrund dieses Bewertungsverhalten könnten männlich geprägte Normen im Sinne von „Mann sein = Stärke zeigen“ sein. Das gezeigte Verhalten kann aber auch auf Unsicherheit basieren oder an Ängste wie „Was passiert, wenn ich nicht leistungsstark erscheine?“ gekoppelt sein. Bei Teilnehmerinnen wird hingegen eher Zurückhaltung beobachtet.
  • Das diagnostische Instrument „Selbsteinschätzung“ ist in den Herkunftsländern weitestgehend unbekannt. Kategorien wie Selbst- und Fremdbild sowie deren Abgleich erscheinen eher typisch für europäische Beziehungsstrukturen.
  • Die Angaben der Selbsteinschätzung sollten auch dahingehend hinterfragt werden, ob sie möglicherweise in die Kategorie der „sozialen Erwünschtheit“ fallen, da Geflüchtete bemüht sein könnten, den in Deutschland gängigen Werten und Normen in hohem Maße zuzustimmen, um Integrationserfolge zu erzielen.
  • Testverfahren mit computerbasierten Aufgaben sind für Teilnehmende ohne entsprechende Vorerfahrungen problematisch und deshalb nicht mit allen durchführbar. Insbesondere Ergebnisse aus Kognitionstests können meinst nicht bewertet werden. Berufsinteressentests, die nur mit Bildsprache gestaltet sind, sind oftmals schwer zu interpretieren und somit auch kaum auswertbar.

Berufsorientierung

  • Es hat sich als sinnvoll erwiesen, die jungen Geflüchteten im Vorfeld in der Schule zur dualen Ausbildung zu informieren sowie die Erwartungshaltung zu eruieren.
  • Auf umfängliche theoretische Anleitungen wurde meist bewusst verzichtet; die Kenntnisse und Fertigkeiten wurden durch Vor- und Nachmachen vermittelt, ggf. unter Einsatz von Grafiken und Schaubildern bzw. anhand von Mustern und Anschauungsmodellen.
  • Bei der Auswahl der Berufsfelder wurde in einigen Projekten darauf geachtet, Berufe mit einer zweijährigen Ausbildungsdauer (§ 66 BBiG/§ 42m HwO) anzubieten. Zudem wurden wegen der absehbaren sprachlichen Schwierigkeiten einige Berufsfelder, wie z. B. Wirtschaft und Verwaltung, nicht in Erwägung gezogen.
  • Die Projektträger sind sehr engagiert und meist erfolgreich, die Teilnehmenden in Praktika zu vermitteln. Zwei Praktika für die Erprobung in unterschiedlichen Branchen bzw. Berufen werden als sinnvoll erachtet, weil dies zu vertieften praktischen Einblicken sowie einer realistischen Perspektive für einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz führt (bessere Deutschkenntnisse, belastbare Willensbekundungen beiderseits).

Deutsche Sprache

  • Alle Projekte berichten, dass das Sprachniveau der Teilnehmenden sehr unterschiedlich ist. Im Rahmen der BO-Maßnahmen ist dies eher unproblematisch. Einfache Arbeitsanweisungen sind zumeist für alle verständlich. Viele Jugendliche hinterfragen Sachverhalte und suchen den Austausch, wenn etwas unklar bleibt. Schüler/-innen mit besseren Deutschkenntnissen fungieren als Sprachvermittler/-innen, es Bedarf kaum an Dolmetscherinnen und Dolmetschern.
  • Projekte mit Sprachunterricht, wie die Produktionsschule Plus (MV) und BEF Alpha (BW), führen zu Beginn Einstufungstests durch. Mit gezielter Binnendifferenzierung im Unterricht wird den Unterschieden Rechnung getragen. Die methodische Ausgestaltung wird entsprechend angepasst und individualisiert sowie mit persönlichem Einzelunterricht ergänzt. Die Unterstützung durch die Sprachlehrer/-innen zeigt sehr schnell positive Wirkungen und Fortschritte. Insbesondere durch die Verknüpfung von Unterricht mit dem Sprachgebrauch in den Werkstätten verbessern sich die Kenntnisse der Teilnehmenden spürbar.
  • Im Projekt BEF Alpha sind ausschließlich Teilnehmende mit sehr geringem Bildungsniveau zugelassen. Diese überaus schwierigen Ausgangsbedingungen führen zu einer Relativierung der Erwartungen der Kursergebnisse im Hinblick auf die Sprache. Das Leistungsvermögen der Teilnehmenden wird in der Regel einen A2-Abschluss zulassen. Ein höheres Niveau (B1) ist nur in Einzelfällen zu erwarten. Damit wird der Start in eine Ausbildung nur selten gelingen, eher werden weitere Bildungsmaßnahmen folgen müssen.
  • In der Regel müssen deutsche Sprachkenntnisse mindestens auf Niveau B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen nachgewiesen werden. Die erforderliche Höhe des Sprachniveaus für eine Ausbildungsaufnahme wird von den Projektträgern jedoch unterschiedlich bewertet:  Einige sehen die Möglichkeit, Sprachdefizite parallel zur Ausbildung abzubauen.
  • Projekte berichten wiederholt über die bemerkenswert hohe Motivation der Teilnehmenden beim Erlernen der deutschen Sprache.
  • Einige Projekte sehen es als fraglich an, ob die Teilnehmenden mit ihren derzeitigen Sprachkenntnissen eine Ausbildung bewältigen können. Die Sprache muss verbessert werden, bevor die Geflüchteten mit Betrieben zusammengebracht werden können. Hier muss die sozialpädagogische Begleitung den Teilnehmenden immer wieder verdeutlichen, dass die Sprache das A und O für einen positiven Bildungsweg und für das Erlernen eines Berufes darstellt –  und so darauf hinwirken, dass die weiterführenden Sprachangebote auch angenommen werden.

Motivation

  • Ausnahmslos alle Projektträger loben die hohe Motivation der Teilnehmenden, unabhängig von Nationalität, Geschlecht und Alter. Viele Träger berichten, dass sie die Begeisterung und das Engagement der Teilnehmenden unterschätzt haben. Viele Jugendliche wollen unbedingt zeigen, was in ihnen steckt und welche handwerklichen Kompetenzen sie haben. Die praktische Berufsorientierung war eine willkommene Abwechslung zur Schulbank.
  • Den Ausbilderinnen und Ausbildern fiel die hohe Hilfsbereitschaft und durchgehende Freundlichkeit auf. Während der Zeit in den Werkstätten, der Mittagspause und in Informationssituationen wie Pressegesprächen traten die Jugendlichen sehr höflich und meist offen auf.
  • Zu beobachten ist, dass die Teilnehmenden manchmal noch nicht die richtigen Prioritäten setzen und eine falsche Vorstellung von Deutschland haben. Auch dass sich die Teilnehmenden selbst überschätzen, ist teilweise problematisch. Ob Integrationskurs oder Erwerbsarbeit, in Deutschland wird ein hohes Maß an Selbstständigkeit gefordert. Diese und andere Hürden haben die Teilnehmenden zu überwinden. Dadurch staut sich oft Ärger und Unverständnis an.
  • Höhere Selbsteinschätzung und das Arbeiten in den Werkstätten forcieren bei den Teilnehmenden den Wunsch nach einem zeitnahen Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. An dieser Stelle bedarf es großer Unterstützung von sozialpädagogischen Betreuungskräften bei der Erarbeitung einer realistischen Berufswegeplanung.
  • Viele Geflüchtete bevorzugen den direkten Weg in die Arbeit, um möglichst schnell Geld zu verdienen. Der Stellenwert und die Notwendigkeit einer beruflichen Ausbildung müssen daher stärker verdeutlicht werden.

Soziale Integration und Interkulturelle Bildung

  • Aus den verschiedenen Unterbringungsformen von Geflüchteten ergeben sich unterschiedliche Integrations- und Betreuungsbedarfe. Die durchgeführten Projekte tragen wesentlich zur Integration der Geflüchteten in ihrer Wohnregion bei. Je nach Unterbringungssituation hatten Geflüchtete vor Projektbeginn keinen oder kaum Kontakt zu Deutschen in ihrem sozialen Umfeld, sondern nur zu anderen Migrantinnen und Migranten. Durch die Maßnahmen und die sozialpädagogische Unterstützung haben die Geflüchteten regelmäßigen Kontakt zu Deutschen. Geflüchtete und Vereine sowie örtliche Initiativen wurden zusammengebracht, sodass die Flüchtlinge Kontakte im Wohngebiet knüpfen konnten. Ein Schwerpunkt in der sozialpädagogischen Begleitung ist die Unterstützung beim Verstehen und Umgang mit der „deutschen Lebensart und dem deutschen Rechts- und Wertesystem“.
  • Das Miteinander von deutschen Schülerinnen und Schülern sowie Auszubildenden auf der einen und jungen Geflüchteten auf der anderen Seite verbunden mit gemeinsamer Arbeit in den Bildungsstätten fördert die soziale Integration sowie den Abbau von Ängsten und Vorurteilen. Betont wird von allen Trägern ein sehr guter Zusammenhalt in den Kursen, ungeachtet der Gruppenzusammensetzung nach Nationalitäten. Befürchtungen über entsprechendes Konfliktpotenzial sind nicht eingetroffen. Dies gilt auch für den Respekt der Teilnehmenden gegenüber den meist weiblichen Kursleitungen.

Auswertungsgespräch/Eltern

  • Bei Auswertungsgesprächen mit Eltern oder Angehörigen zeigt sich, dass auch hier Bedarf an beruflicher Orientierung (für eine bessere Begleitung der Schützlinge) besteht.
  • Bewertungen externer Experten wurden sowohl bei den Schülerinnen und Schülern als auch bei den Eltern ernst genommen.
  • In einigen Fällen mussten Eltern die Erwartungen an die schulische bzw. berufliche Zukunft ihrer Kinder relativieren. Sie hatten zu hohe Ziele gesteckt oder falsche Vorstellungen über das Bildungssystem sowie die Anforderungen für bestimmte Berufe oder Studiengänge.

Traumata

  • Eine sozialpädagogische Unterstützung für die Teilnehmenden ist sehr sinnvoll, um gezielt eine Person bei Fragen, Problemen oder Unterstützungsbedarf bei behördlichen Angelegenheiten ansprechen zu können.
  • Die meisten Teilnehmenden sind traumatisiert, doch die Bewältigung der Fluchterfahrung ist unterschiedlich. Viele Erlebnisse werden erst nach einiger Zeit und nach dem Aufbau einer stabilen Beziehung berichtet. Nach ihren eigenen Schilderungen haben die Geflüchteten großes Leid erfahren, was sich u. a. in depressiven Phasen, hoher Unsicherheit oder Aggressionen äußert – bedingt durch den Verlust von Familienmitgliedern, Freunden und die permanente Angst um das eigene Leben. Der Aufbau einer Vertrauensbasis ist hierbei der wichtigste sozialpädagogische Aspekt.
  • Die Träger berichten, dass ein Durchführen der Berufsorientierungs-Maßnahme kurz nach Ankunft in Deutschland als kritisch angesehen wird, da die Geflüchteten sich zu diesem Zeitpunkt noch mit ihrer Flucht und teilweise mit traumatischen Erlebnissen befassen, nicht offen für Berufsorientierung sind und erst Vertrauen fassen müssen. Insbesondere bei unbegleiteten Jugendlichen ist ein sehr hoher psychologischer Betreuungsbedarf erforderlich, welcher nicht von den Projektmitteln abgedeckt wird.

Übersicht der Projekte