Allgemeine Informationen zur Potenzialanalyse

Die Potenzialanalyse ist für viele Jugendliche der Einstieg in die Berufsorientierung. Dennoch geht es noch gar nicht um die Berufe selbst: In der Potenzialanalyse erkunden Schülerinnen und Schüler ihre Stärken und tanken Selbstbewusstsein.

Ein Schüler und eine Schülerin beim Bau einer Murmelbahn aus Pappe.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

„Was kann ich richtig gut?“ In der Potenzialanalyse des Berufsorientierungsprogramms (BOP) erkunden Jugendliche zunächst ihre persönlichen Stärken, bevor sie in den Werkstatttagen konkrete Berufe ausprobieren. Die Potenzialanalyse legt junge Menschen nicht auf eine bestimmte berufliche Richtung fest, sondern öffnet ihren Blick für Möglichkeiten.

„Baut gemeinsam eine Fallmaschine, die ein rohes Ei beim Sturz aus dem ersten Stock eines Hauses unversehrt hält“. So könnte eine Aufgabe in der Potenzialanalyse lauten. Wie die Aufgabe im Detail gelöst wird, entscheiden die Schülerinnen und Schüler selbst. Geschulte Beobachter geben den Jugendlichen nach den Übungen Feedback zu den beobachtbaren Stärken. Diese individuelle  Rückmeldung wird dann mit der Selbsteinschätzung der Schülerinnen und Schüler abgeglichen und gemeinsam besprochen.

Sich selbst besser kennenlernen

Lehrerin schaut sich das Ergebnis der gemeinsamen Wohnungseinrichtung von 3 Schülern an.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Die Potenzialanalyse lenkt die Aufmerksamkeit der 13- und 14-Jährigen auf ihre eigenen Talente, Stärken und Interessen. Dabei geht es primär um einen Erkenntnisgewinn bei den Jugendlichen selbst – nicht um den von Lehrkräften und Eltern (auch wenn diese natürlich miteinbezogen werden). Der stärkenorientierte Ansatz steigert das Selbstbewusstsein und die Bereitschaft, Verantwortung für die eigene berufliche Zukunft zu übernehmen.

Daher müssen Ziele und Inhalte der Potenzialanalyse  transparent sein: Die Schülerinnen und Schüler sollen Ziel, Ablauf und Bedeutung der Potenzialanalyse verstehen. Sie müssen nachvollziehen, was wann und mit welchem Zweck stattfindet. Durch dieses Verstehen erschließt sich den Jugendlichen die Bedeutung der Potenzialanalyse für ihre persönliche Berufsorientierung. Sie sind persönlich „betroffen“ – und genau dadurch profitieren Sie von ihren Erlebnissen und den Auswertungen.

Die Erkenntnisse aus der Potenzialanalyse können den Schülerinnen und Schülern auch hilfreich dabei sein, die für sie passenden Berufsfelder für die darauffolgenden Werkstatttage auszuwählen.

Welche Kompetenzen die Potenzialanalyse erfasst

Vier Schüler richten gemeinsam eine Wohnung auf einer Holzplatte ein.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Wie packe ich ein Problem an, wie motiviert und zuverlässig bin ich, wie gut kann ich im Team arbeiten und Konflikte lösen? Die Schülerinnen und Schüler erkunden spielerisch ihre methodischen, personalen und sozialen Kompetenzen.

Methodische Kompetenzen

… sind Fähigkeiten, bestimmte Tätigkeiten und Aufgaben angemessen und erfolgreich zu gestalten und zu lösen. Dazu gehören zum Beispiel Arbeitsplanung, Kreativität und Problemlösefähigkeit.

Personale Kompetenzen

… sind Fähigkeiten, sich selbst einzuschätzen, weiterzuentwickeln und die eigene Person in die Gestaltung von Aufgaben einzubringen. Sie äußern sich zum Beispiel in Merkmalen wie Motivation, Zuverlässigkeit oder Selbstständigkeit.

Soziale Kompetenzen

4 Schüler während einer Übung der Potenzialanalyse mit einem großen Mikado.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

… kommen zum Ausdruck in der Fähigkeit, soziale Beziehungen kooperativ und konstruktiv zu gestalten. Dazu gehören zum Beispiel Team-, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit.

Darüber hinaus werden erste berufliche Basiskompetenzen miterfasst, stehen aber nicht im Vordergrund. Berufliche Basiskompetenzen sind zum Beispiel Feinmotorik, räumliches Vorstellungsvermögen oder Arbeitsgenauigkeit.

Verfahren zur Potenzialanalyse

Bei der Gestaltung der Potenzialanalyse stehen die Verantwortlichen zunächst vor der Frage: Setze ich ein bereits erprobtes Verfahren ein oder entwickle ich ein eigenes?

Werden bereits bestehende Verfahren eingesetzt, müssen diese an den Kontext der frühen Berufsorientierung angepasst werden. Denn es geht nicht um die Eignung für einen Beruf oder ein Berufsfeld, sondern darum, Kompetenzen zu beschreiben, zu verstehen und gemeinsam zu reflektieren. Bereits bestehende Verfahren sind zum Beispiel:

Viele Träger setzen aber auch selbst entwickelte Verfahren ein. Alle Elemente der Potenzialanalyse müssen sinnvoll aufeinander abgestimmt sein: Die Aufgaben, die Gestaltung von Selbst- und Fremdeinschätzung und die Dokumentation.

Einige Verfahren werden aktuell für die Zielgruppe Flüchtlinge weiterentwickelt und erprobt. Die handlungsorientierten Aufgabenstellungen bewähren sich auch hier, bedürfen aber einer intensiveren Erläuterung, die durch Visualisierungen unterstützt wird. Besonders wichtig hier: ein individuelles, partizipatives Vorgehen, das auch – berufsbezogene - biographische Erfahrungen aufgreift.

Aufgaben in der Potenzialanalyse

Es gibt verschiedene Verfahren und viele Aufgabenstellungen zur Potenzialanalyse, die möglichst handlungsorientiert sein sollen. Die Schülerinnen und Schüler müssen also mitdenken und selbst organisiert Aufgaben bewältigen.

Außerdem knüpfen die Aufgaben an die persönliche Lebenswelt der Jugendlichen an. Lebensnahe Themen steigern die Motivation und Betroffenheit der Schülerinnen und Schüler. So kann es zum Beispiel darum gehen, eine Party zu planen, ein Handy zu entwerfen oder über Medien zu diskutieren. Es gibt Einzel- und Gruppenaufgaben in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Beispiele für Aufgabentypen sind:

Vier Schüler/innen bei einer Aufgabe der Potenzialanalyse.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

  • Konstruktionsübungen
  • Kooperationsübungen
  • Problemlösepuzzle
  • Rollenspiele
  • Diskussionen
  • Planungsprobleme
  • Erlebnispädagogische Übungen

Ein Beispiel für eine Konstruktionsübung ist die eingangs erwähnte Eierfallübung: „Baut gemeinsam eine Fallmaschine, die ein rohes Ei beim Sturz aus dem ersten Stock eines Hauses unversehrt hält“.

„Stab absenken“ ist beispielsweise eine erlebnispädagogische Übung. Alle Teilnehmenden der Gruppe stellen sich in zwei Reihen gegenüber auf. Sie strecken ihre Zeigefinger auf Taillenhöhe nach vorne. Der Spielleiter legt einen dünnen Stab auf die ausgestreckten Finger. Alle Beteiligten müssen stets mit dem Stab in Kontakt bleiben. Gemeinsam versuchen sie nun mit Geschick und guter Absprache, den Stab auf den Boden zu legen.

Feedback und Ergebnisdokumentation

Einer Schüler mit seiner Mutter beim Feedbackgespräch. Ihnen gegenüber sitzt der Ausbilder.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Im Anschluss an die Potenzialanalyse erfolgt ein Feedbackgespräch. Viele Jugendliche erleben dieses Gespräch als besondere Wertschätzung, da es hier in erster Linie um ihre individuellen Stärken geht. Die systematische Gegenüberstellung von Selbst- und Fremdeinschätzung ermöglicht Selbstreflexion; das soll bei den Jugendlichen die Bereitschaft wecken, die Gestaltung ihrer Berufsbiografie selbst in die Hand zu nehmen.

Die Ergebnisse der Potenzialanalyse werden auch schriftlich dokumentiert. An vielen Schulen werden Portfolioinstrumente wie der Berufswahlpass (www.berufswahlpass.de) oder der Profilpass für junge Menschen (www.profilpass-fuer-junge-menschen.de) eingesetzt. In dem Fall werden die Ergebnisse in dieses Instrument integriert.

Ohne geht es nicht: Qualitätsstandards zur Potenzialanalyse

Wer die Potenzialanalyse plant und durchführt, muss sich ausführlich mit den „Qualitätsstandards des BMBF zur Durchführung von Potenzialanalysen zur Berufsorientierung“ befassen. Diese sind unter anderem darauf ausgelegt, das gewählte Verfahren auf die Phase der Berufsorientierung zu optimieren. Sie definieren Zielsetzung, Rahmenbedingungen sowie pädagogische Prinzipien und legen Indikatoren für eine systematische Beobachtung fest.

Die Qualitätsstandards des BMBF definieren zehn pädagogische Prinzipien, die der Potenzialanalyse zugrunde liegen müssen:

Eine Beobachterin schaut wie der Schüler die Aufgabe löst und füllt einen Bewertungsbogen aus.

BIBB/BOP, Fotograf: Robert Funke

  1. Subjektorientierung
  1. Managing Diversity
  1. Lebens- und Arbeitsweltbezug
  1. Kompetenzansatz
  1. Transparenzprinzip
  1. Feedback
  1. Schriftliche Ergebnisdokumentation
  1. Qualitätssicherung und -prüfung
  1. Systemorientierung
  1. Geschultes Personal

Diese zehn pädagogischen Prinzipien werden in den Qualitätsstandards genauer erläutert. Abschließend geht das Dokument auf Standards zur systematischen Beobachtung ein.

Einbettung in die Initiative Bildungsketten

Teilnehmerin an der Potenzialanalyse bei einer Aufgabe. Die erste Schülerin legt ein Tuch vor sich auf die Wiese.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Die Potenzialanalyse ist nicht nur das erste Element des Berufsorientierungsprogramms, sondern damit auch das erste Glied der Initiative Bildungsketten. Die Grundlage der Bildungsketten sind Landeskonzepte für den Übergang Schule-Beruf. Meist ist darin vorgesehen, die Potenzialanalyse möglichst flächendeckend einzuführen – also für jeden einzelnen Schüler und jede Schülerin an allen allgemeinbildenden Schulen.

In der Mehrzahl der Bundesländer dauert die Potenzialanalyse im Rahmen der Berufsorientierung zwei Tage. In den übrigen Ländern variiert die Dauer aufgrund der zugrunde liegenden Länderkonzepte.

Die Bildungsketten werden in gemeinsamen Vereinbarungen von Bund, Bundesagentur für Arbeit und den Ländern geschmiedet. In den bereits abgeschlossenen Vereinbarungen haben die Länder die Potenzialanalyse bereits in ihr Landeskonzept zur Berufsorientierung integriert. Hier erhalten Sie landesspezifische Informationen.

Teil von Bund-Länder-Vereinbarungen sind auch Neu- oder Weiterentwicklungen von Kompetenzfeststellungsverfahren für geflüchtete junge Menschen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit unterschiedlichen Zielsetzungen zum Einsatz kommen sollen.

Ansprechpartnerin

Carolin Kunert
Tel.: 0228 / 107 - 1318
E-Mail: kunert@bibb.de