Allgemeine Informationen zu den Werkstatttagen

Die Ärmel hochkrempeln und verschiedene Berufe selbst ausprobieren – darum geht es in den Werkstatttagen. Die praktische Erfahrung der Werkstatttage ist für viele junge Menschen ein erster, positiver Kontakt mit der Berufswelt.

Ein Ausbilder steht mit 3 Schüler an einer Werkbank im Bereich Sänitär.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Nach der Potenzialanalyse geht es für die Schülerinnen und Schüler in die Werkstatttage. Hier lernen sie mehrere Berufsfelder praxisnah kennen und können erste realistische Vorstellungen von der Berufswelt gewinnen. Die Jugendlichen können in der praktischen Arbeit bislang versteckte Talente zeigen und gewinnen durch diese Erfolgserlebnisse neues Selbstvertrauen.

Auch zeigt ihnen die Praxiserfahrung, wofür schulisches Lernen wichtig ist. Dies hat häufig einen positiven Einfluss auf die schulischen Leistungen: Wer an der Werkbank oder am Schreibtisch erfahren hat, dass er in seinem Wunschberuf Briefe schreiben oder den Dreisatz beherrschen muss, der ist auch in der Schule motivierter.

Die Jugendlichen werden während der Werkstatttage von erfahrenen Ausbilderinnen und Ausbildern angeleitet. In jedem Berufsfeld erhalten sie regelmäßig stärkenorientierte Rückmeldung zu ihrem Verhalten und ihren Fähigkeiten. So entwickeln sie eine erste Vorstellung davon, was im späteren Berufsleben auf sie zukommt und wofür schulisches Lernen wichtig ist.

Die Werkstatttage des Berufsorientierungsprogramms (BOP) finden in überbetrieblichen Berufsbildungsstätten (ÜBS) oder vergleichbaren Einrichtungen statt, nicht in Betrieben. Die Bildungsstätten bieten mit ihren Lehrwerkstätten die ideale Umgebung zum „realistischen Ausprobieren“.

Ein Schüler feilt ein Stück Holz an einer Werkbank.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Der Unterschied der Werkstatttage zu einem Praktikum: Die Jugendlichen stehen nicht „daneben“ und schauen den Mitarbeitenden ihres Praktikumsbetriebs bei der Arbeit zu, sondern sie sind selbst aktiv. Und da sie es sind, die in den Werkstatttagen im Mittelpunkt stehen – und nicht etwa laufende Produktions- oder Geschäftsprozesse – können sie sich in geschütztem Raum selbst betätigen.

Die Werkstatttage werden in der Regel in der 8. Klasse durchgeführt. Sie sollten zeitlich möglichst kurzfristig an die Potenzialanalyse anschließen. Und sie sollen so gestaltet werden, dass alle Teilnehmenden – entsprechend den eigenen Stärken – etwas dabei lernen. Je nachdem kann daher eine Berufs- oder eine Studienwahl im Vordergrund stehen.
 

Berufsfelder in den Werkstatttagen

In den Werkstatttagen dürfen die Jugendlichen drei oder mehr verschiedene Berufsfelder austesten. Es handelt sich explizit um berufsübergreifende Felder, denn die Jugendlichen sollen sich in dieser konkreten Phase noch nicht auf konkrete Berufe festlegen, sondern vielmehr die Vielfalt der Berufswelt kennenlernen. Je nach Bildungsstätte und regionalen Branchenschwerpunkten erhalten sie Einblicke in die Bereiche Produktion, Handwerk, Technik, Dienstleistung, Wirtschaft und Soziales.

Wenn die Ausbilderinnen und Ausbilder die Berufsfelder vorstellen, geben sie den Jugendlichen unter anderem einen Einblick in die Palette an Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten. Die Schülerinnen und Schüler erfahren mehr über die Ausbildungsberufe, typische berufliche Tätigkeiten, mögliche Arbeitsumgebungen oder Verdienstmöglichkeiten – und natürlich können sie auch Fragen stellen. Dann geht es an die eigentliche Arbeit: Es werden exemplarische Projekte durchgeführt und Werkstücke angefertigt.

In der Richtlinie des Berufsorientierungsprogramms werden insgesamt 18 Berufsfelder vorgegeben. Um eine größtmögliche Vielfalt zu gewährleisten, muss das Angebot der Projektträger an die Jugendlichen mindestens fünf Berufsfelder umfassen und dabei sowohl die Bereiche Produktion/Handwerk/Technik als auch Dienstleistung/Wirtschaft/Soziales abdecken.

Manche Länder weichen von der Bundesrichtlinie ab. Weitere Informationen finden Sie hier.

3 Schüler zusammen mit einem Ausbilder beim Mauern.

Berufsfeld Bau – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Mauerwerksbau, Straßenbau, Beton- und Stahlbetonbau, Brunnenbau, Trockenbau, Kanalbau, Gerüstbau, Dachdeckung, Steinbearbeitung, Fliesen-, Platten- und Mosaiklegen.

BIBB/BOP, Fotograf: Robert Funke

2 Schülerinnen und 1 Schüler zusammen mit einem Ausbilder in einer Werkstatt im Bereich Elektro.

Berufsfeld Elektro – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Energietechnik, Anlagenmontage, Mechatronik und Automatisierungstechnik (z.B. Fluggeräteelektronik).

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Eine Schülerin repariert ein Teil des Motors.

Berufsfeld Fahrzeuge – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: KFZ-Mechatronik, Karosserieinstandhaltung und Zweiradmechanik.

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Ein Schüler malt einen Stern im Bereich Farbe & Gestaltung an die Wand. Der Ausbilder schaut ihm über die Schulter.

Berufsfeld Farbe/Raumgestaltung – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Malen, Lackieren oder Raumausstattung (wie z.B. Polstern).

BIBB/BOP, Fotograf: Robert Funke

4 Schüler und ein Ausbilder im Bereich Krankenpflege. Ein Schülerin liegt im Krankenbett und 3 weitere Schüler machen zusammen mit dem Ausbilder die "Visite".

Berufsfeld Gesundheit, Erziehung und Soziales – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Medizin- und Rehatechnik (z.B. Orthopädietechnik), therapeutische Tätigkeiten sowie Kinder-, Alten- und Krankenpflege.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Zwei Schüler kochen in einer Großküche eine Suppe.

Berufsfeld Hauswirtschaft – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Planung und Kontrolle von Arbeitsabläufen wie u.a. Speisenzubereitung oder Reinigungstätigkeiten in verschiedenen Wohn- und Pflegeinrichtungen, in Gastronomie oder Hotellerie.

BIBB/BOP, Fotograf: Robert Funke

2 Schülerinnen stehen an einer Werkbank in einer Holzwerkstatt.

Berufsfeld Holz – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Tischlerhandwerk, Drechslerhandwerk, Zimmerei und Instrumentenbau.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Ein Schüler mit Kochmütze schält in einer Küche Kartoffeln.

Berufsfeld Hotel- und Gaststätten – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Hotel- und Restaurantfach, Kochen oder Systemgastronomie.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

4 Schüler sitzen an einem Tisch. 2 sitzen hinter dem Tisch vor einem Laptop und Kamera. Die zwei anderen Schüler sitzen vor dem Tisch.

Berufsfeld IT, Druck und Medien – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Mediengestaltung, Fotografie, Drucktechnik, Bibliothekswesen, Papier, IT-Systemelektronik.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Eine Ausbilderin zeigt einem Schüler wie Haare aufgewickelt werden.

Berufsfeld Kosmetik und Körperpflege – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Friseurhandwerk, Kosmetik, Maskenbild.

BIBB/BOP, Fotograf: Robert Funke

Ein Ausbilder überprüft zusammen mit 3 Schüler die Lieferscheine im Bereich Lager und Logistik.

Berufsfeld Lager/Logistik – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Spedition und Logistikdienstleistung, Kurier-, Express- und Postdienstleistungen.

BIBB/BOP, Fotograf: Robert Funke

Ein Schüler und eine Schülerin beladen eine Schubkarre mit Pflastersteinen.

Berufsfeld Landwirtschaft und Ernährung – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Land- und Tierwirtschaft, Garten- und Landschaftsbau, Floristik, Forstwirtschaft, Back- und Konditorwarenherstellung, Fleischverarbeitung, Getränke- und Genussmittelherstellung.

BIBB/BOP, Fotograf: Robert Funke

4 Schüler stehen zusammen mit einem Ausbilder vor einer Werkbank im Bereich Metall und lassen sich etwas erklären.

Berufsfeld Metall und Kunststoff – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Metallbau, Feinwerkmechanik, Fertigungsmechanik, Verfahrensmechanik, Gold- und Silberschmieden, Werkzeugmechanik.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Eine Schülerin mit Sicherheitsbrille in einem großen Labor.

Berufsfeld Naturwissenschaften; Optik/Glas/Keramik – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Labortätigkeiten mit den Schwerpunkten Chemie, Physik oder Biologie;  Optik, Glaserei, Berufe mit Keramik (z.B. Modelltechnik, Dekorationstechnik) sowie Erneuerbare Energien.

BIBB/BOP, Fotografin: Julia Kreuzer

Eine Schülerin und ein Schüler stehen an einer Werkbank im Bereich Sanitär  Heizung Klima. In einem Schraubstock ist eine Rohrverbindung eingespannt.

Berufsfeld SHK – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Klempnerhandwerk oder Gebäudetechnik (z.B. Anlagenmechanik für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik).

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Ein Schüler lässt sich von einer Ausbilderin den Umgang mit der Nähmaschine zeigen.

Berufsfeld Textil/Leder/Bekleidung – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Textilherstellung, Textilverarbeitung (Schneiderei), Lederherstellung, Leder- und Fellverarbeitung, Textilreinigung.

BIBB/BOP, Fotograf: Dario Lehner

Eine Ausbilderin erklärt zwei Schülern wie wann die Preise von Artikeln auszeichnet.

Berufsfeld Verkauf – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: Einzelhandel, Lebensmittelhandwerk, Groß- und Außenhandel, Automobilverkauf und Tourismus.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

6 Schüler sitzen in einer Reihe und arbeiten an Computern.

Berufsfeld Wirtschaft und Verwaltung – dazu zählen z.B. Bereiche und Tätigkeiten wie: kaufmännische Berufe (z.B. in den Feldern Bank, Büro, Versicherungen, Industrie, Immobilien), Fach- und Assistenztätigkeiten in den Feldern Steuer, Verwaltung oder Recht.

BIBB/BOP, Fotograf: Robert Funke

Wahl der Berufsfelder

Bei der Zusammenzustellung der Gruppen sollten die Jugendlichen so viel Entscheidungsspielraum wie möglich haben. Neben individuellen Wünschen und organisatorischen Einschränkungen sind bei der Zuordnung zu den Berufsfeldern weitere Aspekte zu beachten. Dies sind z.B. individuelle Aspekte (kleinere Gruppen bei höherem individuellen Betreuungsbedarf), soziale Aspekte (Gruppendynamiken), Inhalte und geeignete Methoden sowie eine ausgewogene Präsenz von Jungen und Mädchen.
 

Werkstatttage: Unterschiede in den Bundesländern

Das Berufsorientierungsprogramm wird je nach Berufsorientierungskonzept im jeweiligen Bundesland unterschiedlich umgesetzt. So können Dauer, Bezeichnung und Ausgestaltung der Werkstatttage voneinander abweichen. In 11 von 16 Bundesländern dauern die Werkstatttage zwei Wochen, wie in der Bundesrichtlinie vorgegeben. In den abweichenden Bundesländern finden sich andere Formen der Umsetzung.

Doch trotz teils unterschiedlicher Umsetzung der Werkstatttage – der Grundgedanke ist überall derselbe: Die Jugendlichen erproben “handgreiflich“ verschiedene Berufe in geschütztem Raum und begleitet von erfahrenen Ausbilderinnen und Ausbildern.

Hier erhalten Sie Informationen zur landesspezifischen Ausgestaltung des Programms.


Das perfekte Werkstück

Eine Schülerin zeigt ihr Werkstück aus dem Berufsfeld Glaserei.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Häufig wird während der Werkstatttage ein Werkstück erstellt, das die Schülerinnen und Schüler mit nach Hause nehmen können. Das motiviert und macht stolz auf die eigenen Leistungen. Welche Werkstücke dies sind, bleibt der Phantasie und dem Konzept der Ausbildungsstätten überlassen. Es können auch verschiedene Werkstücke mit unterschiedlichen Fertigungs- oder Planungsanforderungen zur Auswahl angeboten werden. Erfolgreiche, weil unter den Schülerinnen und Schülern sehr beliebte Beispiele, sind eine Handytasche, ein Vogelhäuschen oder Bilderrahmen aus Holz, ein gepolsterter Hocker oder ein Stifthalter aus Metall.

In Berufsfeldern wie Hauswirtschaft oder Gastronomie kann es statt eines Werkstücks auch eine Speise oder ein Getränk sein, das von den Schülerinnen und Schülern gemeinsam konsumiert wird. Ein anderes Beispiel ist eine Backmischung im Glas: Die Jugendlichen können sie mit nach Hause nehmen und sie der Familie oder Freunden präsentieren.


Begeisterung wecken durch Lebensweltbezug

Wichtig ist: Das Werkstück oder Produkt sollte die Jugendlichen interessieren und ihre Begeisterung wecken. Denn nur wenn es etwas mit ihrer Lebenswelt zu tun hat, spricht es sie an und motiviert sie dazu, sich mit einer beruflichen Möglichkeit auseinanderzusetzen. Dies betrifft nicht nur das Werkstück, sondern die gesamte Gestaltung der Werkstatttage: die Ansprache der Schülerinnen und Schüler, die Einrichtung der Werkstätten und Unterrichtsräume, verwendete Materialien und die Art der Aufgabenstellungen.

Im Anschluss an die Werkstatttage befragen die Ausbildungsstätten die Schülerinnen und Schüler, was ihnen gefallen hat und was sie sich anders gewünscht hätten. Die Auswertung dieses Feedbacks liefert hilfreiche Hinweise auf die Weiterentwicklung der Werkstatttage und der Werkstücke. Es hilft den Ausbildungsstätten, eine Berufsorientierung zu schneidern, die eng an den Bedürfnissen der jungen Menschen ausgerichtet ist und ihren Nerv trifft.


Werkstatttage für verschiedene Zielgruppen

Die Werkstatttage können je nach Region, Schultyp und Berufsorientierungskonzept eines Landes, einer Schule oder einer Ausbildungsstätte unterschiedlich ausgestaltet sein.

Bei den Aufgaben ist es wichtig, die Schülerinnen und Schüler weder zu über- noch zu unterfordern. Nur so sind sie motiviert – und nur so lassen sich ihre Fähigkeiten realistisch beurteilen.

Eine Schülerin mit Schutzbrille in einem großen Labor.

BIBB/BOP, Fotografin: Julia Kreuzer

Verschiedene Schultypen

Angebote für Förderschulen sollten entsprechend anders konzipiert sein als Angebote für Gymnasien: Berufswahlinformationen, Berufsfelder, Aufgabendifferenzierung und erwartete Arbeitsgeschwindigkeit müssen sorgfältig an Leistungsfähigkeit und Lernstand der Klassen angepasst werden.

Heterogene Gruppen

Doch kann auch eine Gruppe in sich extrem heterogen sein. In diesem Fall sollten sich die Konzepte der Werkstatttage auch gruppenintern flexibel auf unterschiedliche Lernniveaus und ‑geschwindigkeiten anpassen lassen. Beispielsweise können alle Schülerinnen und Schüler am gleichen Projekt arbeiten – doch ihnen werden unterschiedliche Wege angeboten, das Ziel zu erreichen. So erhält ein besonders starker Schüler nur eine grobe Anleitung, ein schwächerer eine detailliertere.

Ebenfalls beliebt sind kleine Zusatzaufgaben für schnellere Schülerinnen und Schüler, wie zum Beispiel die Anfertigung eines weiteren kleinen Werkstücks. Oft werden die Jugendlichen auch dazu motiviert, sich gegenseitig zu unterstützen, um gemeinsam zum Ziel zu kommen.

Berufsorientierung für Flüchtlinge

Eine Schülerin und ein Ausbilder beugen sich in einer Werkstatt über ein Dokument.

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Berufsorientierung ist auch für Flüchtlinge ganz besonders wichtig. Sie müssen nicht nur ihre beruflichen Perspektiven, sondern auch unser Bildungssystem und unsere Berufswelt kennenlernen. In den Schulklassen der allgemeinbildenden Schulen können sie am „normalen“ Berufsorientierungsprogramm teilnehmen.

Neben dem Berufsorientierungsprogramm an allgemeinbildenden Schulen gibt es seit 2016 das Programm „Berufsorientierung für Flüchtlinge“ (BOF).
Weitere Informationen finden Sie hier.


Wo alle Fäden zusammenlaufen: die Schulen

Das Berufsorientierungsprogramm ist ein Baustein im schulischen Berufsorientierungskonzept. Entsprechend sind Lehrerinnen und Lehrer oder auch Berufseinstiegsbegleiterinnen und -begleiter (BerEb) nicht nur in die Vor- und Nachbereitung der Werkstatttage eingebunden, sondern sie begleiten ihre Schulklassen auch während der Werkstatttage.

Sie sind Ansprechpartner und beobachten das Geschehen oder nehmen selbst an den praktischen Übungen teil. Ihre Anwesenheit wird von den Jugendlichen als persönliche Wertschätzung empfunden. Ihre Beobachterrolle in einem völlig neuen Kontext öffnet ihnen eine neue Sichtweise auf ihre Schülerinnen und Schüler.

Im Anschluss reflektieren die Lehrerinnen und Lehrer und gegebenenfalls auch die BerEb das Erlebte mit ihren Schülerinnen und Schülern in der Schule. Sie unterstützen die Jugendlichen dabei, die gewonnene Erfahrung für die eigene Weiterentwicklung zu nutzen – zum Beispiel, das passende Betriebspraktikum zu wählen. Durch die Erfahrungen in Potenzialanalyse und Werkstatttagen kann diese Wahl und später die Entscheidung für einen Ausbildungsberuf bewusster und überlegter erfolgen. Das Berufswahlspektrum der Jugendlichen erweitert sich und die Chance auf den für sie "richtigen" Beruf steigt.

Detaillierte Hinweise zur Rolle der Schulen bei Anbahnung, Durchführung und Nachbereitung des Berufsorientierungsprogramms finden Sie hier.


Geschlechtergrenzen aufbrechen

Ein Ausbilder zeigt einer Schülerin an der Werkbank wie man Rohre bearbeiten kann. Das Rohr ist in einem Schraubstock eingespannt.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Altenpflege ist unmännlich und Technik langweilig und unkreativ? Im Gegenteil: Im Gesundheitsbereich sind Kraft und Fitness genauso gefordert wie Empathie. Technik ermöglicht Innovation und erfordert die Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Doch weil sie zu wenig über die Bandbreite möglicher Berufe wissen und klischeehaften Vorstellungen folgen, wählen Jugendliche oft geschlechtsnahe Berufe.

Eine Aufgabe der Werkstatttage des Berufsorientierungsprogramms besteht also auch darin, den Jugendlichen eine Berufswahl ohne Geschlechterbarrieren anzubieten und so ihr Berufsfeldspektrum zu erweitern. Deswegen werden Gender und Geschlechtervorurteile in Berufswahl, Berufsalltag und Karriere in den Werkstatttagen zum Thema gemacht und die Projekte entsprechend ausgestaltet. Je lebendiger die Schülerinnen und Schüler erfahren, dass in den meisten Tätigkeiten „männliche“ und „weibliche“ Fähigkeiten gebraucht werden, umso neugieriger macht sie das auf geschlechtsfremde Berufe.

Die Schülerinnen und Schüler sollen ihre Berufsvorstellungen auch frühzeitig als wesentlichen Teil ihrer Lebensplanung verstehen lernen. Gespräche während der Werkstatttage können hierzu einen Einstieg geben. Oftmals denken die Jugendlichen das erste Mal über Fragen nach wie z.B.: Möchte ich Karriere machen und viel Geld verdienen? Soll es ein Beruf werden, der gut mit einer Familie vereinbar ist? Möchte ich eine Option auf berufliche Selbstständigkeit haben oder lieber in Anstellung arbeiten?

Ausbilderinnen und Ausbilder motivieren Jugendliche in persönlichen Gesprächen oder Rollenspielen dazu, sich nicht von stereotypen Vorstellungen leiten zu lassen. Auch hat es sich bewährt, Ausbilderinnen aus mehrheitlich von Männern besetzten Berufen und Ausbilder aus mehrheitlich von Frauen besetzen Berufen einzubinden. Sehr ermutigend ist für die Schülerinnen und Schüler der Austausch mit weiblichen Auszubildenden, die in Berufen mit hohem Männeranteil, und mit männlichen Auszubildenden, die in Berufen mit hohem Frauenanteil tätig sind.

Auch die Sprache ist wichtig: „Männliche“ Berufe erscheinen für Mädchen erreichbarer, wenn z.B. auch von Ingenieurinnen gesprochen wird. Und Vorbilder sind wichtig: „Weibliche“ Berufe werden für Jungen normaler, wenn in den Werkstatttagen auch männliche Berufsvertreter auftauchen.

Broschüre „Geschlecht und Berufswahl – Horizonte erweitern“

Die Bundesinitiative Klischeefrei macht sich stark dafür, dass Jungen und Mädchen alle Berufe offen stehen. Mitglieder sind Unternehmen und Einrichtungen, die sich für eine moderne klischeefreie Berufswahl engagieren.


Stärke zeigen: Zertifikat und Abschlussgespräch

Ein Schüler mit seiner Mutter beim Feedbackgespräch bei einem Lehrer.

BIBB/BOP, Fotografin: ANNEGRET HULTSCH Photography

Das Berufsorientierungsprogramm schließt mit einem standardisierten Zertifikat ab. Dieses können die Schülerinnen und Schüler bei Bewerbungen um Praktikumsplätze oder einen späteren Ausbildungsplatz vorlegen. Es führt die erprobten Berufsfelder auf und enthält Angaben zu ihren persönlichen Stärken und Fähigkeiten. Eine Vorlage finden Sie hier.

Zusätzlich zur schriftlichen Rückmeldung erhalten die Schülerinnen und Schüler auch ein mündliches Rückmeldegespräch zu ihrer Leistung in den Werkstatttagen. Darin werden Selbst- und Fremdeinschätzung einander gegenübergestellt. Je nach Ausbildungsstätte finden Gruppen- oder Einzelgespräche statt.

Der Kerngedanke des Feedbacks:  Die persönlichen Stärken der Schülerin oder des Schülers werden in den Mittelpunkt gestellt. Im Gegensatz zur Schule wird hier nicht in Noten bewertet und der Finger wird nicht auf Defizite gelegt. Die Jugendlichen erfahren vielmehr, wo ihre Talente liegen und wohin die Reise Berufsorientierung sie weiterführen könnte. So können sie gestärkt, motiviert und mit neuen Ideen aus dieser Phase ihrer beruflichen Findung hervorgehen.

Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern sind explizit eingeladen, an dem Gespräch teilzunehmen, sofern der oder die Jugendliche damit einverstanden ist. Zwar richtet sich die Rückmeldung an die Schülerinnen und Schüler selbst, damit sie ihre weitere Entwicklung selbstbestimmt in die eigene Hand nehmen können – doch haben Lehrkräfte und Eltern mit dem Wissen um die gezeigten Stärken die Möglichkeit, den weiteren Weg ihrer Schützlinge und Kinder bewusst zu begleiten und sie zu bestärken.


In Ausnahmen: Livebetrieb und Hospitationen

Die Werkstatttage sollen einen authentischen Einblick in möglichst viele Berufsfelder geben. In der Regel bleiben die Jugendlichen dafür in den Räumlichkeiten der Bildungsstätten, wo Arbeitsbedingungen realitätsnah nachgebildet werden. Es kann aber sinnvoll sein, dass sich die Jugendlichen in ein echtes Arbeitsumfeld begeben.

Beispielsweise ist es förderlich, Einkäufe nach bestimmten Vorgaben im Supermarkt zu erledigen, um den Alltag von Hauswirtschafterinnen und Hauswirtschaftern kennenzulernen. Bedient man im Bewirtungsraum der Bildungsstätte und verkauft Pausensnacks, wird die Arbeit im Gaststättengewerbe erfahrbar. Kontakt zu Arbeitskräften und vor allem zu Azubis in den Betrieben ist dabei erwünscht. So erhalten die Schülerinnen und Schüler einen authentischen Einblick in den Alltag eines Berufs. Allerdings dürfen die Auszubildenden das Werkstatttage-Ausbildungspersonal nicht ersetzen, sondern dieses nur ergänzen.

Je realer der Arbeitsablauf ist, in den die Schülerinnen und Schüler eingebunden sind, desto wichtiger wird die Begleitung durch die Ausbilderinnen und Ausbilder. Um den Druck für die Jugendlichen zu minimieren, muss allen Beteiligten klar sein, dass Fehler machen dazugehört.

Auch Hospitationen können nützlich für die Berufsorientierung sein. Was die typischen Aufgaben eines Krankenpflegers, einer Erzieherin oder einer Landwirtin sind, können die Jugendlichen gut im Krankenhaus, in einer Kindertagesstätte oder in einem landwirtschaftlichen Betrieb erfahren.

Bedingungen für den Live-Betrieb und Hospitationen definieren die FAQ zur Förderrichtlinie 2014:

Können die Werkstatttage in Form eines Live-Betriebes durchgeführt werden?

Mit „Live-Betrieb“ sind Tätigkeiten in einem echten Arbeitsumfeld gemeint, zum Beispiel:

  • Einkaufen im Supermarkt oder Nutzung einer Wäscherei (Berufsfeld Hauswirtschaft)
  • Bedienen im trägereigenen Bewirtungsraum oder Pausenverkauf im Kiosk (Berufsfeld Hotel- und Gastwirtschaft)
  • Demonstration von Lager-Software, die z.B. Lagerbestände zeigt und hilft, Aufträge zu kommissionieren (Berufsfeld Lager und Logistik)

Schülerinnen und Schüler können Aufgaben im Live-Betrieb übernehmen, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind:

  • Der Einsatz muss das Berufsfeld sinnvoll ergänzen und mittels einer pädagogisch und fachlich begleiteten, praktischen Aufgabe vor- und nachbereitet werden.
  • Die Höchstdauer beträgt 3,5 Stunden inklusive Wegezeiten.
  • Die Schülerinnen und Schüler sind nicht in den regulären Produktionsprozess oder Echtbetrieb eingebunden.
  • Die Jugendlichen ersetzen keine normalen Arbeitskräfte.
  • Der Einsatz ist in das pädagogische Konzept der Werkstatttage eingebunden.
  • Allen Beteiligten ist klar, dass Fehler erlaubt sind.
  • Der Einsatz darf nur in der Öffentlichkeit stattfinden, wenn alle Beteiligten darüber informiert wurden, dass die Jugendlichen keine regulären Arbeitskräfte sind, sondern sich in einer Maßnahme zur Berufsorientierung befinden.
  • Ausbildungspersonal steht den Jugendlichen beobachtend und beratend zur Seite.
  • Ein Kontakt z.B. zu Auszubildenden darf aufgrund ihrer Vorbildfunktion, z. B. in Form einer Vorstellung des Arbeitsalltags und persönlicher Erfahrungen, stattfinden.

Hinweis: Der Live-Betrieb muss gegenüber der Programmstelle Berufsorientierung im BIBB ausdrücklich erläutert werden und darf nicht ohne deren Zustimmung erfolgen. Die Programmstelle behält sich eingehende Prüfungen vor.

Können während der Werkstatttage Hospitationen/Betriebsbesuche durchgeführt werden?

Eine Hospitation in den Berufsfeldern Gesundheit, Erziehung und Soziales und Landwirtschaft ist generell möglich, wenn folgende Voraussetzungen gegeben sind:

  • Die Hospitation ist in das pädagogische Konzept eingebettet und ergänzt die Lernzeit in der Bildungsstätte auf sinnvolle Weise.
  • Das BIBB hat die Hospitation genehmigt.
  • Die Hospitation wird vor- und nachbereitet.
  • Die extern Beteiligten sind über den Einsatz der Schülerinnen und Schüler informiert und einverstanden.

Hospitationen in den anderen Berufsfeldern sind nach Prüfung nur möglich, sofern:

  • ein Mehrwert für den Berufsorientierungsprozess darstellbar ist und wenn das Spektrum der beruflichen Tätigkeiten des Berufsfeldes anders nicht in den Werkstätten umgesetzt werden kann
  • die Hospitation kein zentrales Element der Werkstatttage in diesem Berufsfeld darstellt, sondern ein zeitlich begrenztes ist, das in geringem Umfang ergänzend wirken soll.

Das BOP ist das erste oder eines der ersten Elemente im Berufsorientierungsprozess. Nach dem BOP folgen weitere Schritte, wie z.B. betriebliche Praktika oder Hospitationen.

Hinweis: Die Hospitation muss gegenüber der Programmstelle Berufsorientierung im BIBB erläutert werden und darf nicht ohne deren Zustimmung erfolgen. Der Umfang darf maximal 3,5 Stunden inklusive Wegezeiten betragen. Die Programmstelle behält sich eingehende Prüfungen vor.

 

ANSPRECHPARTNERIN

Katrin Böhnke
Tel.: 0228 / 107 - 2417
E-Mail: boehnke@bibb.de