Einführung

Wer mit Jugendlichen der 8. Klasse zu tun hat, weiß um ihr Bedürfnis, sich eine erkennbar weibliche oder männliche Identität zu geben. Kein Wunder, dass ihre Neigung, sich für geschlechtstypische Berufe zu interessieren, groß ist. 

Hände mit Werkzeug

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Doch sind stereotype Rollenvorstellungen der beruflichen Orientierung wirklich zuträglich? Wie gehen Ausbilderinnen und Pädagogen in den Werkstatttagen am besten mit geschlechtstypischen Berufswahlpräferenzen der Jugendlichen um?

Wenn Fähigkeiten und Interessen mit den Anforderungen im Beruf übereinstimmen – dann sind dies sehr gute Voraussetzungen für den Beginn einer Ausbildung. Langfristig führt eine an individuellen Potenzialen orientierte Berufswahl zu mehr Erfolg und Zufriedenheit als eine Wahl, die vorrangig Geschlechterstereotypien folgt.

Die Werkstatttage des Berufsorientierungsprogramms tragen dazu bei, dass Jugendliche ihre Stärken erkunden – und einengende Geschlechterklischees als solche wahrnehmen. Ein geschlechterreflektiertes Verhalten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Werkstätten führt im besten Fall dazu, dass Schülerinnen und Schüler erkennen: Geschlecht darf nicht der wichtigste Faktor bei der Berufswahl sein.

Die Ziele dieses Dossiers

Dieses Dossier möchte für die Aufgabe sensibilisieren, die Werkstatttage klischeefrei zu gestalten, auf Handlungsoptionen aufmerksam machen und die pädagogisch Mitwirkenden dazu auffordern, die Werkstatttage in der eigenen Einrichtung immer wieder auf Möglichkeiten der geschlechtersensiblen Optimierung hin zu überprüfen.

Geschlecht und Berufswahlverhalten

Durch unser alltägliches Verhalten präsentieren wir uns unserem sozialen Umfeld als männlich oder weiblich. Wir kleiden uns mehr oder weniger geschlechtsspezifisch, wir bevorzugen – je nach Geschlecht – bestimmte Sportarten oder Hobbys, und greifen auf ein Warenangebot zu, das uns gezielt als Mann oder Frau beziehungsweise als Junge oder Mädchen ansprechen will. Wir orientieren uns dabei an Modellen, die uns vorgelebt werden – selbst, wenn wir uns bewusst von ihnen unterscheiden möchten – und erfüllen die Erwartungen unserer Umwelt. Fortlaufend (re-)produzieren wir so unser soziales Geschlecht und zwar im Verhältnis zum jeweils anderen Geschlecht.[1]

Eine Möglichkeit, mit der wir uns als männlich oder weiblich darstellen können, ist die Berufswahl. Stereotype Berufsvorstellungen machen das so genannte Doing Gender in diesem Bereich ziemlich einfach. Ein so genannter „Männer- oder Frauenberuf“ bietet Identifikationsmöglichkeiten, mit denen ein geschlechtsspezifisches Prestige verknüpft ist.

Wie sehr junge Menschen ihre Berufswahl an diesem Kriterium ausrichten, zeigt sich mit Blick auf die Statistik: hier existiert eine ausgeprägte Geschlechtertrennung. Die häufigsten dualen Ausbildungsberufe bei den jungen Männern sind: Kfz-Mechatroniker, Elektroniker, Informatiker, Anlagenmechaniker. Hier ist der Anteil der weiblichen Auszubildenden sehr gering.

Die von den jungen Frauen am häufigsten gewählten Berufe heißen: Bürokauffrau, (zahn-)medizinische Fachangestellte, Einzelhandelskauffrau, Verkäuferin. Junge Frauen machen insgesamt nur etwa ein Drittel (36,9 Prozent der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Jahr 2018)[2] der Auszubildenden im dualen Berufsbildungssystem aus: Ein weitaus größerer Teil der Schulabsolventinnen, die eine Ausbildung machen möchten, strebt in den Bereich der sozialen und medizinischen Schulberufe, wird also Erzieherin, Krankenpflegerin, Physiotherapeutin oder zum Beispiel Logopädin. Hier ist der Anteil der männlichen Auszubildenden sehr gering. Die Neigung der jungen Männer, einen prestigeträchtigen Ausbildungsberuf zu bevorzugen, zeigt sich auch in der Nicht-Wahl eines Pflegeberufs.[3]

Stereotype und Klischee - eine Begriffsbestimmung

Das Wort Klischee stammt aus der Drucktechnik und bezeichnet eine historische stempelartige Druckform, die beliebig oft verwendet werden konnte. Im übertragenen Sinne steht der Begriff als Bezeichnung für eine „abgedroschene, wiederholt verwendete Redensart oder Meinung“[1], die der Realität nicht mehr angemessen ist. Wenn also von Geschlechterklischees die Rede ist, dann stets missbilligend.

[1] https://kinder.wdr.de/tv/wissen-macht-ah/bibliothek/kuriosah/alltag/bibliothek-was-ist-ein-klischee-100.html

Die Vorstellung, dass Geschlechterrollen nicht „durch die Biologie“ gegeben, sondern ständig hergestellt werden, erlaubt es erst, sich vorzustellen, dass sie auch wandlungsfähig sind, dass Benachteiligung und Privilegien abgebaut und mehr Chancengleichheit erzielt werden kann.

Um diese Ziele geht es in der geschlechterreflektierten bzw. geschlechtersensiblen Pädagogik - und ganz konkret auch in den „Klischeefreien Werkstatttagen“.

Ein notwendiger Schritt ist dabei, sich vorhandener Klischees und Stereotype überhaupt erst bewusst zu werden. Diese gehören nicht nur zum individuellen Denkmuster, sondern werden in der Regel sozial geteilt.[4] Vorab eingeräumt: Sie halten sich beharrlich und es kostet Mühe, sich ihrer zu entledigen 5

Stereotype beschreiben einerseits „traditionelle Annahmen darüber, wie Frauen und Männer sind, welche Eigenschaften sie haben und wie sie sich verhalten, anderseits beziehen sie sich auf traditionelle Annahmen darüber, wie Frauen und Männer sein sollen oder wie sie sich verhalten sollen“.[1]

[1] Thomas Eckes, ebd.

Nachteilige Wirkung von Rollenklischees auf die Berufswahl

Mit Blick auf den oder die Einzelne(n) ist das geschlechtstypische Berufswahlverhalten nicht unbedingt von Vorteil. Im Gegenteil: Eine Berufswahl, die sich an geschlechtstypischen Rollenbildern orientiert, ist geradezu eine schlechte Wahl, wenn sie die tatsächlich vorhandenen Potenziale des jungen Menschen nicht berücksichtigt. Denn die Talente und Fähigkeiten sind im Lebenslauf ausschlaggebend für die Bewährung und das Wohlfühlen im Beruf [6]. Kein Talent und keine Fähigkeit sind an sich „weiblich“ oder „männlich“ – darum gibt es keine Berufe, die nur von Frauen oder nur von Männern ausgeübt werden können. Die Bezeichnung „Frauenberuf“ bzw. „Männerberuf“ ist daher missverständlich. Sie beschreibt lediglich den Anteil der Frauen, die einen Beruf ausüben: Bei über 80 % Frauen unter den Berufsausübenden spricht man von einem typischen Frauenberuf, bei unter 20 % von einem Männerberuf [7]. Viele Berufe haben aber im Laufe der Zeit ihr Image geändert und sind vom Männerberuf zum Frauenberuf oder vom Frauenberuf zum Männerberuf geworden, auch daher sind diese Begriffe nur „temporäre Etiketten“. Heute gibt es kaum noch den Friseur, den Lehrer in der Grundschule, den Tierarzt, sondern vor allem Friseurinnen, Grundschullehrerinnen und Tierärztinnen. Männer meiden Berufe, die vorrangig von Frauen besetzt sind; viele der von Frauen ausgeübten Berufe werden schlechter bezahlt und haben ein geringeres Ansehen als typische Männerberufe. Wenn hingegen Männer ehemals weiblich dominierte Tätigkeiten übernommen haben, wie zum Beispiel das Programmieren, so erfuhren diese Berufe eine Aufwertung, die sich unter anderem in besserer Bezahlung zeigt.

Die Geschlechtertrennung in den Berufen ist sehr beharrlich; sie beruht auf Ungleichwertigkeit – und wird in der beruflichen Praxis aus vielen Gründen als unvorteilhaft empfunden. Um dem entgegenzuwirken und die im Grundgesetz verbürgte Gleichstellung von Männern und Frauen mit mehr Nachdruck voranzutreiben, verlangt der Gesetzgeber Gender-Mainstreaming als durchgängiges Leitprinzip bei allen politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen der Bundesministerien.[8]  Auch auf der Eben der Europäischen Union wurde der Gender Mainstreaming-Ansatz verbindlich festgeschrieben. Die Berücksichtigung von Geschlechterfragen in der (Berufs)Bildung ist daher kein „Nice-to-have“, sondern ein elementarer Beitrag zur Chancengleichheit von Jungen und Mädchen.

 

[1] Im Englischen wird zwischen „gender“, dem sozialen Geschlecht, und „sex“ als Bezeichnung für das biologische Geschlecht unterschieden. Mit „Doing Gender“ ist die tägliche Praxis des eigenen Verortens zwischen den imaginären gesellschaftlichen Polen „Männlich“ und „Weiblich“ gemeint. Im Deutschen wird das Wort „Geschlecht“ für beides verwendet. Wenn im Folgenden von geschlechtsspezifischem oder geschlechtstypischem Verhalten die Rede ist, so ist damit stets das Verhalten des sozialen Geschlechts gemeint.

[2] https://www.bmbf.de/upload_filestore/pub/Berufsbildungsbericht_2019.pdf

[3] Vgl: Stephanie Matthes: Warum werden Berufe nicht gewählt? Die Relevanz von Attraktions- und Aversionsfaktoren in der Berufsfindung (2019) https://www.bibb.de/veroeffentlichungen/de/publication/show/9795

[4] Geschlechterstereotype gehören „einerseits zum individuellen Wissensbesitz, andererseits bilden sie den Kern eines konsensuellen, kulturell geteilten Verständnisses von den je typischen Merkmalen der Geschlechter“, Vgl. Thomas Eckes: Geschlechterstereotype: Von Rollen, Identitäten und Vorurteilen. In: In: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung - Theorie, Methoden, Empirie (Ruth Becker und Beate Kortendiek, 2008) https://www.ph-freiburg.de/fileadmin/dateien/sonstige/gleichstellung/Geschlechterstereotype_ThomasEckes_ausHandbuch_und_Frauengeschlechterforschung_Becker_ua.pdf.

[5] Thomas Eckes, ebd. „Geschlechterstereotype sind in hohem Maße änderungsresistent“, dennoch sei eine willentliche Beeinflussung von Prozessen der Stereotypisierung durchaus möglich.

[6] Aljoscha Neubauer: Mach was du kannst. München 2018

[7] Vgl. Ratschinski, S.

[8]  Das Bundeskabinett hat am 8. Juli die von Bundesfrauenministerin Dr. Franziska Giffey vorgelegte nationale Gleichstellungsstrategie beschlossen. Es ist die erste ressortübergreifende Gleichstellungsstrategie einer Bundesregierung überhaupt. Unter dem Motto "Stark für die Zukunft" werden in der Strategie Ziele der gesamten Bundesregierung für die Gleichstellung von Frauen und Männern festgelegt. Für alle Ministerien sind sie eine Grundlage für die Ausgestaltung ihrer Gesetzgebung oder ihrer Förderprogramme. Vgl. dazu die Pressemitteilung des BMFSFJ vom  08. Juli 2020 unter https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/bundeskabinett-gleichstellungsstrategie-frauen-maenner/158326

Siehe auch § 2, Gemeinsame Geschäftsordnung der Bundesministerien,  https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gleichstellung-und-teilhabe/strategie-gender-mainstreaming/strategie--gender-mainstreaming-/80436?view=DEFAULT