Geschlechterreflektierte Berufsorientierung?

Die Werkstatttage des Berufsorientierungsprogramms orientieren sich an den persönlichen Stärken der Jugendlichen. Sie werden durch eine geschlechterreflektierte Begleitung optimal ergänzt.

Teenager mit drei verschieden farbigen Rucksäcken.

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Eine geschlechterreflektierte Begleitung kann dazu ermuntern, Stereotype bei der Berufswahl zu hinterfragen und das Berufswahlspektrum dem eigenen Stärkenprofil entsprechend zu erweitern.

Dazu kann auch der Abbau von Vorbehalten gegenüber geschlechtsuntypischen Ausbildungsberufen gehören.

Was hat geschlechterreflektierte Pädagogik mit „Reden über Geschlecht“ zu tun?

Geschlechterreflektierte Pädagogik wird häufig missverstanden als „Reden über Geschlecht“.[1] Wenn allein die Unterschiede von Mädchen und Jungen thematisiert werden, so kann dies unerwünschte Folgen haben. Die Rolle des Geschlechts wird dadurch „dramatisiert“.[2] Wenn also während der Berufsorientierung über vermeintliche "Frauen- und Männerberufe" gesprochen wird, dann muss auch die Verknüpfung von Berufen mit vermeintlich geschlechtstypischen Fähigkeiten und Eigenschaften problematisiert werden, damit die Jugendlichen Stereotype infrage stellen können. Entdramatisierung bedeutet an dieser Stelle, die Bedeutung des Geschlechts bzw. des Doing Gender zu relativieren – ihm weniger Gewicht beizumessen.

Beispiel:

Die Krankenpflege ist ein vorwiegend von Frauen besetztes Berufsfeld. Die alte Berufsbezeichnung „Krankenschwester“ erweckt in noch stärkerem Maße die Assoziationen, die mit der Mildtätigkeit von Nonnen verknüpft sind. Die Pflege war einst praktizierte Nächstenliebe und somit auch Gottesdienst, aber kein Broterwerb.

Die Verknüpfung des Berufsbildes mit weiblichen Stereotypen der Fürsorglichkeit, Sanftmut und Aufopferungsbereitschaft lässt sich historisch ableiten und gewinnt dadurch an Plausibilität. „Wenn Frauen das immer schon gemacht haben – dann können sie das von Natur aus am besten“. So lassen sich Stereotype durch „Dramatisierung von Geschlecht“ bestätigen.

Erst durch die Reflexion: Sind diese Eigenschaften wirklich nur „weiblich“? Oder sind sie „menschlich“? Und erfordert der Beruf nicht noch mehr als diese „Soft-Skills“, wie zum Beispiel ein naturwissenschaftliches Verständnis für Biologie und Physiologie, Fähigkeit mit moderner Technik umzugehen, ein gutes mündliches und schriftliches Ausdrucksvermögen, körperliche Belastbarkeit? Und bringt dieser nicht schon in der Ausbildung eine akzeptable Vergütung, eine gefragte Stellung auf dem Arbeitsmarkt und diverse Weiterbildungsmöglichkeiten? Die Trennung der „Professionalität“ von geschlechtsspezifischen Zuweisungen kann Jugendlichen dabei helfen, die eigentlich benötigten Kompetenzen im Beruf wahrzunehmen. Die zunächst so bedeutend erscheinende Rolle des Geschlechts in der Berufswahl wird dadurch deutlich kleiner – wenn nicht gar unerheblich: Sie wird „entdramatisiert“.

 

[1] Katharina Debus: Ein gutes Leben, S. 125

[2] Wenn nach der so genannten „Dramatisierung“ von Geschlecht (Faulstich-Wieland) keine Reflexion und keine überzeugende "Entdramatisierung von Geschlecht" erfolgt, werden Stereotype eingehend verstärkt.

Hintergrundinformationen

Regina Dionisius, Stephan Kroll, Joachim Gerd Ulrich (2018): Wo bleiben die jungen Frauen?

Von 2009 bis 2018 sank die Zahl der registrierten Ausbildungsstellenbewerberinnen um ein Fünftel. Dieser Fachbeitrag fragt nach den Ursachen für diese Entwicklung. Dabei wird die Entwicklung der Geschlechtersegregation für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Westdeutschland über einen Zeitraum von 35 Jahren nachgezeichnet. Ein Fazit der Autoren lautet: Das duale Ausbildungssystem punktet vor allem bei jungen Männern.

https://www.bibb.de/veroeffentlichungen/de/bwp/show/9484

Stephanie Matthes (2019): Warum werden Berufe nicht gewählt?

Selbst wenn ein Beruf ihren Tätigkeitsinteressen entspricht, neigen viele Jugendliche dazu, ihn bei ihrer Berufswahl fallenzulassen, wenn er ihnen nicht genügend soziale Anerkennung zu vermitteln scheint. Darüber hinaus können ungünstige Rahmenbedingungen während der Ausbildung oder ungünstige Arbeitsbedingungen weitere Gründe dafür sein, einen als interessant wahrgenommenen Beruf gleichwohl auszuschließen. Die Ergebnisse beruhen auf einer schriftlichen Befragung von Schülerinnen und Schülern neunter und zehnter Klassen allgemeinbildender Schulen.

https://www.bibb.de/veroeffentlichungen/de/publication/show/9795

Hannelore Faulstich-Wieland und Barbara Scholand (2017): Von Geschlecht keine Spur?

Ziel des berufsorientierenden Unterrichts ist auch eine Erweiterung des Berufswahlspektrums von Jungen und Mädchen. Am Beispiel Hamburger Schulen wurde untersucht, ob und wie es gelingt, eine gendersensible Berufsorientierung im schulischen Rahmen umzusetzen. Es zeigt sich, dass bildungspolitische Vorgaben in der Praxis nur partiell umgesetzt werden, den Bildungsaspirationen der Schüler/innen nur bedingt Rechnung getragen wird und der Anspruch, Geschlechterklischees in der Berufswahl abzubauen, noch weitgehend ungelöst ist.

https://www.boeckler.de/pdf/p_study_hbs_365.pdf

Der Abschlussbericht der BOP-Evaluation (2017)

Im Hauptkapitel 4 des Abschlussberichts gibt es eine Differenzierung der Evaluationsergebnisse nach Zielgruppen, unter 4.1 finden Sie die genderspezifische Differenzierung. Hier zeigte sich, dass die Wahl der Berufsfelder durch die Schülerinnen und Schüler einem prägnant geschlechtsspezifischen Muster folgen. Zudem wird das Angebot der Berufsfelder von Schülerinnen und Schülern unterschiedlich bewertet. "Schülerinnen finden sich in dem Angebot des BOP seltener wieder.", (ebd. S.103). Und nur für die (männlichen) Schüler lassen sich Wirkungen des BOP nachweisen.

Abschlussbericht BOP-Evaluation (2017)

Die Gleichstellungsberichte der Bundesregierung

"Der 2011 vorgelegte Erste Gleichstellungsbericht […]  hatte deutlich gemacht, dass punktuelle Lösungen nicht ausreichen, um die Gleichstellung von Frauen und Männern zu verwirklichen. Es sind die Übergänge im Lebensverlauf, an denen der Erste Gleichstellungsbericht besonderen Handlungsbedarf festgestellt hat: die Übergänge im Berufsleben und die Übergänge in Familie und Partnerschaft. Aus der Frauen- und der Männerperspektive ergeben sich hier ganz unterschiedliche Anforderungen." PM BMFSFJ vom 08.05.2015

https://www.gleichstellungsbericht.de/

Ann-Christin Hausmann, Corinna Kleinert (2014): Männer- und Frauendomänen kaum verändert

Die Mehrzahl aller Berufe im deutschen Arbeitsmarkt wird entweder überwiegend von Frauen oder von Männern ausgeübt. Das Ausmaß der beruflichen Trennung (Segregation) ist hoch und geht nur sehr langsam zurück.

http://doku.iab.de/kurzber/2014/kb0914.pdf

Rainer Geißler (2014): Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern

Neben den schichtspezifischen Differenzierungen gehören die sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu den wesentlichen Merkmalen moderner Gesellschaften. Während die Benachteiligung der Frauen im Bildungssystem inzwischen verschwunden ist, lebt sie in abgeschwächter Form in der Arbeitswelt, der Politik und insbesondere der Familie fort.

https://www.bpb.de/izpb/198038/ungleichheiten-zwischen-frauen-und-maennern?p=all