Geschlechtertrennung durch die Berufsfeldwahl - unvermeidbar?

Sind bei Ihnen die metall- und elektrotechnischen Berufsfelder auch immer eher mit einer Jungengruppe besetzt? Und wird "Kosmetik/Körperpflege" vorwiegend von Schülerinnen gewählt?

Zwei Schüler an einer Maschine

Hultsch | BOP

Schon in der frühen Kindheit entwickelt sich bei uns eine Vorstellung von Geschlecht und damit verbundenen Verhaltensweisen. Daher überrascht es nicht, dass Mädchen und Jungen in der Phase der Berufsorientierung in der Sekundarstufe I Voreinstellungen haben, die mit fortschreitendem Alter zu einer geschlechtstypischen/gendertypischen Berufswahl führen.

Sollen Träger, um dem geschlechtsspezifischen Wahlverhalten entgegenzuwirken, den Jugendlichen einfach ungefragt Berufsfelder zuteilen? Manchmal lässt sich ein Zuteilen eines Berufsfeldes aus organisatorischen Gründen nicht vermeiden. Die Evaluation des Berufsorientierungsprogramms ergab aber, dass "solche formalen Zuweisungen oft kontraproduktiv sind. Schülerinnen und Schüler für ein Berufsfeld zu motivieren, das sie eigentlich gar nicht interessiert, erwies sich oft als besonders schwierig. (1)

Zum Methodenrepertoire einer genderreflektierten Pädagogik gehört nicht, dass Jungen und Mädchen mit geschlechtsstereotypen Berufsvorstellungen ein Beruf „ausgeredet“ wird. Unabhängig davon, ob die Vorstellungen der Jugendlichen Klischees entsprechen – oder widersprechen – sie sollten immer mit Respekt und Wertschätzung behandelt werden. (2)

Die Bedeutung der Potenzialanalyse

Wie schon an vorangehender Stelle erwähnt, ist die Thematisierung der geschlechtsspezifischen Berufswahl in der Schule ein entscheidender Faktor dafür, ob die Schülerinnen und Schüler die Werkstatttage als hilfreich erleben. Damit die Jugendlichen mit der Berufsfeldwahl vor den Werkstatttagen nicht allein gelassen werden, findet im Vorfeld die pädagogisch begleitete Reflexion der Potenzialanalyse statt. Die Potenzialanalyse soll dazu dienen, die eigenen Stärken in den Fokus zu nehmen. Die Praxiserfahrung in den Werkstatttagen erfolgt im besten Fall in Tätigkeitsbereichen, in denen diese Stärken erforderlich sind. Die enge Verknüpfung von Potenzialanalyse und Werkstatttagen ist also per se schon ein Ansatz, um rein geschlechterstereotype Berufsfeldwahlen zu unterbinden. Durch die pädagogische Begleitung können Schülerinnen und Schüler ermuntert werden, ihre Stärken auszubauen, und diese als relevant für konkrete Berufe wahrnehmen - und dies kann auch geschlechtsuntypische Berufsfeldwahlen zur Folge haben. Wenn diese Verschränkung von Potenzialanalyse und Praxisphase unterbleibt, bleibt das festgestellte "Potenzial" ohne Einfluss auf die Berufsfeldwahl. Die Vermutung liegt nahe, dass dann die geschlechtsstereotype Orientierung ausgeprägter wird.

Undoing Gender in der Werkstatt

In den Werkstatttagen sollten Berufe weder als typisch männlich noch als typisch weiblich inszeniert, sondern die Rolle des Geschlechts bei der Ausübung der beruflichen Handlung ausdrücklich als belanglos dargestellt werden. Jeder und jede wird angesprochen und darf Erfolge für sich verbuchen, die berufliche Handlung verlangt keine geschlechtsspezifische Darstellung der Person. „Undoing-Gender" (3) trägt dazu bei, weder Jungen noch Mädchen von der potenziellen Identifikation mit den Berufsausübenden auszuschließen.

Zudem sollte den Schülerinnen und Schülern einleitend verdeutlicht werden, dass sie Arbeiten verrichten, die zwar einem bestimmten Berufsfeld entstammen, die ihnen aber Aufschluss darüber geben können, ob sie bestimmte berufsübergreifende Fähigkeiten besitzen oder entwickeln möchten, wie zum Beispiel eine gute Feinmotorik, Geschicklichkeit im Umgang mit verschiedenen Werkzeugen, ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen, Ausdauer etc. Wenn die Jugendlichen begreifen, dass sie ihre Talente exemplarisch anhand eines Berufsfelds wahrgenommen haben, können sie erkennen, dass diese auch übertragbar auf andere Berufsfelder sind.

Zurzeit werden in einigen Modellprojekten zur beruflichen Orientierung an Gymnasien Konzepte erprobt, die das Kennenlernen verschiedener Berufsfelder nicht in nach Berufsfeldern getrennten Werkstattphasen anbieten, sondern in der berufsfeldübergreifenden Projektarbeit. Die Berufsfelder mit ihren traditionell geschlechtsspezifischen Konnotationen sind als solche nicht mehr erkennbar. Damit wird jedem Schüler und jeder Schülerin die Möglichkeit geboten, ein bestimmtes Spektrum an Berufsfeldern und (auch vermeintlich geschlechtsuntypischen) Tätigkeiten kennen zu lernen. Wie sich das auf die Akzeptanz bei den Jugendlichen auswirkt, wird die Auswertung zeigen.

Hintergrundinformation

Stephanie Matthes: Warum werden Berufe nicht gewählt? Die Relevanz von Attraktions- und Aversionsfaktoren in der Berufsfindung (2019)

Aufbauend auf der Vermutung, dass die „Nicht-Wahl“ von Berufen anderen Logiken folgt als die Wahl von Berufen, stellt die Autorin in ihrer Dissertation ein theoretisches Modell vor, das Attraktions- und Aversionsfaktoren in der Berufsfindung unterscheidet. Basierend auf Auswertungen einer Schülerbefragung wird am Beispiel der Pflegeberufe aufgezeigt, dass Aversionsfaktoren von zentraler Bedeutung in der Erklärung der „Nicht-Wahl“ von Berufen sind.

https://www.bibb.de/veroeffentlichungen/de/publication/show/9795


(1) Endbericht zur Evaluation des BMBF-Programms zur "Förderung der Berufsorientierung in überbetrieblichen und vergleichbaren Berufsbildungsstätten (2017), S. 125

(2)  Vergleiche Debus (2015), S. 115f.:Geschlechterreflektierte Pädagogik […] hat „das Anliegen, den Adressat_innen in ihren vielfältigen Interessen, Fähigkeiten und Problemlagen mit Respekt zu begegnen – unabhängig davon, ob diese typisch oder untypisch sind – und Verengungen des individuellen Repertoires durch normierende Geschlechteranforderungen und strukturelle Ungleichheit entgegen zu treten“.

(3) Zum Begriff Undoing Gender: Hirschauer, Stefan 1994. Die soziale Fortpflanzung der Zweigeschlechtlichkeit. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 46(4), 668–692.