Im Sinne der Bildungskette: Die thematische Vorbereitung in der Schule

Schülerinnen und Schüler profitieren besonders von den Werkstatttagen, wenn diese eng mit dem schulischen Konzept der Berufsorientierung verzahnt sind.

Lachende Schülerin und Schüler

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Die praktische Berufsorientierungsphase wird im Schulunterricht vorbereitet. Dazu gehört es, sich mit verschiedenen Aspekten des Arbeits- und Berufslebens zu beschäftigen und sich so auf die Wahl der Berufsfelder vorzubereiten, die in den Werkstatttagen durchlaufen werden sollen.  (Auf die Bedeutung der Potenzialanalyse wird an anderer Stelle eingegangen.) So werden Bildungssequenzen sinnvoll miteinander verzahnt, eine Bildungskette entsteht. Die Beschäftigung mit Genderaspekten im Vorfeld der Berufsfeldwahl sensibilisiert Jugendliche für Klischees, die oft schon im Kindergartenalter entwickelt werden. Die Jugendlichen erhalten die Möglichkeit, diese zu hinterfragen und sich eine bewusste Haltung zu erarbeiten. Dies kann sich - in Verbindung mit den Ergebnissen der Potenzialanalyse - im günstigsten Fall schon bei der Berufsfeldwahl zeigen. Die Evaluation des Berufsorientierungsprogramms hat ergeben, „dass der Umgang mit der geschlechtsspezifischen Berufswahl seitens der Schule oder seitens der Berufsbildungsstätten in signifikantem Zusammenhang dazu steht, ob die Schülerinnen und Schüler die Werkstatttage als hilfreich erlebt haben."(1)

Ein gendersensibler Berufsorientierungsunterricht kann auch Teil eines umfassenderen lebensweltorientierten Unterrichts sein, in dem die Erwerbsarbeit einen Teil eines guten Lebens darstellt, aber auch die Arbeit im Haushalt, die unentgeltliche Sorge für Kinder und die Unterstützung pflegebedürftiger Angehöriger als sinnvoll, notwendig und anforderungsreich für alle Geschlechter einbezogen wird.

Fachdidaktischer Dreischritt

Als Methode für den geschlechtergerechten Unterricht hat sich in der Didaktik ein dreischrittiges Verfahren bewährt. Der "fachdidaktische Dreischritt" untergliedert sich in die Phasen "Dramatisierung - Reflexion - Entdramatisierung" (Faulstich-Wieland).(2)

Dramatisierung - Reflexion - Entdramatisierung

In der Phase der Dramatisierung geht es darum, „dass die Schülerinnen und Schüler zunächst für die Geschlechterproblematik in unserer Gesellschaft sensibilisiert werden und erfahren, welche Geschlechterunterschiede (z. B. auf dem Arbeitsmarkt) vorherrschen.

In der Reflexionsphase „gilt es, mit den Schülerinnen und Schülern Erklärungsansätze für die Geschlechterunterschiede zu beleuchten.“

In der Entdramatisierung sollen die Lernenden kritisch prüfen, ob die konstruierten Geschlechterverhältnisse individuell zu ihnen passen oder ob andere Wege möglich sind. (3)

Der Entdramatisierungsphase kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Wenn sie nicht hinreichend stattfindet, kommt es zu einer Bestätigung von Klischees und Stereotypen.

Beispiel

Schülerinnen und Schüler könnten im berufsvorbereitenden oder sozialkundlichen Unterricht vom so genannten „Gender Pay Gap“, also den Einkommensunterschieden zwischen Männern und Frauen und den Auswirkungen auf ihr jeweiliges Lebenserwerbseinkommen erfahren. In der Reflexionsphase werden die Ursachen für diese Unterschiede herangezogen: zwar gibt es auch ungleiche Bezahlung für die gleiche Arbeit, die Männer und Frauen leisten, aber noch erheblicher fallen die Zeiten ins Gewicht, die Frauen für Care-Tätigkeiten aufwenden, und dadurch Einkommenseinbußen hinnehmen. Zudem ist ihr Berufswahlverhalten als Ursache für die Einkommensunterschiede erkennbar. An dieser Stelle des Lernprozesses könnte es sein, dass Schülerinnen und Schüler immer noch das Fazit ziehen: „Frauen mit Kinderwunsch sollten einen möglichst einkommensstarken Mann heiraten, um die vorhersehbare Lücke in ihrem Lebenserwerbseinkommen aufgrund der Familienplanung zu kompensieren“. Die Geschlechterstereotypien würden durch die Dramatisierung des Geschlechterverhältnisses bestätigt.

Erst durch einen weiteren gedanklichen Schritt können die Schülerinnen und Schüler andere Möglichkeiten in Erwägung ziehen, die zur Verminderung des Gender Pay Gaps beitragen: eine Berufswahl, bei der junge Frauen von den hohen Einkommen in MINT-Berufen profitieren können und junge Männer zu gleichen Anteilen wie Frauen in den CARE-Berufen vertreten sind. Aber auch eine Familienplanung, bei der sich beide Geschlechter gleichermaßen um Kindererziehung und Pflege bedürftiger Angehöriger kümmern, geht mit mehr Gleichstellung einher. Dass hierfür geeignete gesellschaftliche Rahmenbedingungen erforderlich sind und diese mit Möglichkeiten der Kinderbetreuung und flexiblen Arbeitszeiten einhergehen müssen, lässt sich im Anschluss leicht nachvollziehen. Erst durch diese Phase werden die mit dem Geschlecht verbundenen Rollenzuweisungen als flexibel wahrgenommen und eine Überprüfung der eigenen Berufs- und Lebensplanung erleichtert. Die Rolle des Geschlechts wird entdramatisiert.

Die Werkstatttage müssen gut mit den schulischen Einheiten zur Berufsorientierung verzahnt werden. Die Projektleitungen in den Werkstätten und die verantwortlichen Schulen müssen sowohl gemeinsam als auch bei ihrer jeweiligen Kommunikation in ihrer Organisation auf die Vorteile einer intensiven schulischen Vorbereitung für die Durchführung der Werkstatttage hinweisen.

Wie es gelingen kann, während der Werkstatttage das Thema Gender in der Berufswahl aufzugreifen, zeigt das Gute-Praxis-Beispiel aus Nordhorn.

Ein Beispiel Guter Praxis

Am Berufsbildungszentrum des Handwerks in Nordhorn schlüpfen Schülerinnen und Schüler während der Werkstatttage in die Rolle von Medienschaffenden. Dabei können sie in das Berufsfeld Mediengestaltung hineinschnuppern und sich gleichzeitig mit dem Thema "Berufswahl und Gender" befassen. Dafür interviewen sie Mitschülerinnen und Mitschüler, die ein geschlechtsuntypisches Berufsfeld ausprobieren und besuchen Auszubildende, die einen solchen Beruf erlernen.

"Was interessiert dich an dem Beruf? Wie fühlst du dich als Junge unter zehn Mädchen? Kannst du dir vorstellen, eine Ausbildung in diesem Beruf zu machen?" Das sind Fragen, die dann gestellt werden und alle Beteiligten zum Nachdenken über Rollenbilder anregen. Die Ergebnisse präsentieren die Schülerinnen und Schüler in Wort, Bild und Film auf einer eigens dafür erstellten Internetseite. "Damit erreichen wir gleich mehrere Zielgruppen", sagen die Projektverantwortlichen. Zum einen die mitwirkenden Schülerinnen und Schüler, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen und es auch in ihr soziales Umfeld tragen. Zum anderen zielt die Internetseite auf Eltern und Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler, die zu einem späteren Zeitpunkt an den Werkstatttagen teilnehmen, da die Seite von den Schulen in der Vorbereitung der Berufsorientierung eingesetzt wird.

Ein weiterer Nebeneffekt des Ganzen: Auch innerhalb des Bildungszentrums ist das Thema Gender präsent. Die Beteiligten erleben immer wieder bei sich selbst oder an Kolleginnen und Kollegen, wie schnell Klischees oder Rollenbilder im eigenen Denken auftauchen können.

Materialien

Methoden-Set "Klischeefrei macht Schule"

Materialien für die schulische Berufsorientierung mit Genderbezug findet man auf den Seiten der Initiative Klischeefrei. Das Methoden-Set „Klischeefrei macht Schule“ umfasst 12 interaktive Unterrichtsmethoden für Schülerinnen und Schüler. Zusätzlich bietet es zwei Methoden, die im Rahmen der Elternarbeit und für schulinterne Entwicklungsprozesse zur Berufs- und Studienwahl frei von Geschlechterklischees genutzt werden können.

www.klischee-frei.de: Methoden-Set "Klischeefrei macht Schule"

Faktenblätter zu geschlechtsbezogenen Differenzen

Was sagen Statistiken zu geschlechtsspezifischen Unterscheiden bei Ausbildung, Studium oder Arbeitsmarkt? In den Faktenblättern der Initiative Klischeefrei finden Sie Zahlen und Fakten übersichtlich aufbereitet. Hier geht es zum Beispiel um "Geschlechtsbezogene Differenzen in der betrieblichen und schulischen Ausbildung", um "Frauen und Männer am Arbeitsmarkt" und um "Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern".

www.klischee-frei.de: Faktenblätter

Unterrichtsbeispiele

Um die "Vielfalt geschlechtergerechten Unterrichts" geht es in dem Sammelband von Marita Kampshoff und Claudia Wiepcke. Mehrere konkrete Unterrichtsbeispiele sind nach dem oben geschilderten Prinzip von "Konstruktion - Reflexion - Dekonstruktion" aufgebaut und eignen sich hervorragend für die genderreflektierende Berufsorientierung.

gelefa.de: Vielfalt geschlechtergerechten Unterrichts


(1) Vgl. Endbericht zur Evaluation des BMBF-Programms zur "Förderung der Berufsorientierung in überbetrieblichen und vergleichbaren Berufsbildungsstätten (2017), S. 48

(2) Vgl. Marita Kampshoff in einem Vortrag auf der Klischeefrei-Fachtagung 2018 https://www.klischee-frei.de/dokumente/pdf/a41_klischeefrei_Forum3_Kampshoff_Forum2.pdf

(3) Marita Kampshoff / Claudia Weipcke (Hg): Vielfalt geschlechtergerechten Unterrichts. Ideen und konkrete Umsetzungsbeispiele für die Sekundarstufen, Berlin 2016, S. 1