Reflektieren bei der Begegnung mit unbekannten Stereotypen

Im Umgang mit Neuzugewanderten werden Pädagogen und Ausbilderinnen manchmal mit ihren eigenen, stereotypen Erwartungen konfrontiert. Ein guter Anlass zur Selbstreflexion!

Mädchen mit Kopftuch - in die Kamera lächelnd

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Unterschiede in der beruflichen Orientierung von Männern und Frauen sind weltweit verbreitet. Doch das, was als frauen- oder männertypische Tätigkeit angesehen wird, variiert. Dies sei an einem Beispiel verdeutlicht: In vielen muslimischen Ländern ist die Quote der Frauen, die ein MINT-Fach studieren, deutlich höher als in vielen europäischen Ländern und den USA. In Tunesien liegt der Anteil der Studentinnen in den MINT-Fächern bei 50 Prozent, in Jordanien teilweise bei 75 Prozent. (1) Geisteswissenschaftliche Fächer, die dort deutlich prestigeträchtiger sind, werden eher von Männern studiert.

In einem MINT-Fach erfolgreich zu sein, wird in unserer Gesellschaft besonders häufig mit als männlich geltenden Eigenschaften verbunden. Dies hat auch historische Gründe: Die männliche Dominanz hat in den Ingenieurwissenschaften in Deutschland eine lange Tradition.(2

Die weltweiten Unterschiede im Berufswahlverhalten lassen darauf schließen, dass neu zugewanderte Jugendliche nicht die gleichen, sondern andere berufsbezogene Rollenbilder verinnerlicht haben als Jugendliche und Erwachsene, die hier in der Mehrheitsbevölkerung aufgewachsen und sozialisiert sind. Dieser Unterschied macht zugewanderte Jugendliche jedoch nicht zur Gruppe. Ihre Berufsvorstellungen lassen sich nur schwer miteinander vergleichen, da sie aus verschiedenen Ländern und sozialen Milieus kommen und über unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen verfügen. Pädagoginnen und Ausbilder haben also mit geschlechtsstereotypen Vorstellungen unterschiedlichster Art zu tun. Wenn das geschlechtsstereotype Verhalten der Jugendlichen bei der Berufsfeldwahl auf die entsprechenden Erwartungshaltungen der Ausbilderinnen und Pädagogen trifft, so bleibt das Stereotype daran nicht selten unbemerkt. Anders sieht es aus, wenn stereotype Erwartungen nicht durch ein entsprechendes Verhalten der anderen Person erfüllt werden, sich ungleiche Annahmen, Zuschreibungen und Erwartungen begegnen, die in unterschiedlichen soziokulturellen Kontexten entstanden sind. Wer Überraschung oder Erstaunen ausdrückt, wenn sich beispielsweise ein syrisches Mädchen mit Kopftuch für das Berufsfeld Elektrotechnik entschieden hat, offenbart dabei die eigenen geschlechtsstereotypen Erwartungen sowie Vorurteile gegenüber muslimischen Frauen und Mädchen. Eine Irritation kann ein guter Ausgangspunkt für die Selbstreflexion sein. 

Die folgenden Reflexionsfragen treffen im Kern, was Pädagoginnen und Ausbildern bewusstwerden muss, um im Umgang mit heterogenen Jugendgruppen stereotypisierende Stolpersteine zu vermeiden:

  • Vermittle ich geschlechtsbezogene Platzanweiser?
  • Transportiere ich Botschaften, die suggerieren, dass bestimmte Interessen und Fähigkeiten „normal“ für Menschen eines Geschlechts sind und was „besonders“ oder „anormal“ ist? (3)

Selbstreflexion lässt zwar eigene Klischees nicht plötzlich verschwinden - trägt aber langfristig zu einem geschlechtersensiblen Verhalten bei.

Die Erwartungen von Eltern, Pädagogen und Ausbilderinnen wirken auf orientierungssuchende Heranwachsende wie soziale Platzanweiser. Dieser Einfluss kann zwar förderlich sein, kann aber auch dazu beitragen, Fähigkeiten und Talente als Faktor bei der Berufswahl zu vernachlässigen. Jugendliche, die den „Talentecheck“ der Werkstatttage durchlaufen, profitieren von einer Begleitung, die ohne geschlechtsstereotype Erwartungen und Zuschreibungen auskommt!

Hintergrundinformationen

Materialien zur Interkulturell sensiblen Berufsorientierung

Wie können sich Ausbilderinnen und Ausbilder im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen so verhalten, dass diese sich respektiert fühlen und auch ihr Gegenüber respektieren? Die Lernmaterialen zur Interkulturell sensiblen Berufsorientierung, die in dem gleichnamigen Seminar entstanden sind, stehen auf den Seiten des Berufsorientierungsprogramms kostenfrei zur Verfügung

Zum Lehrmaterial


(1)  Vgl. "Interkulturelle Sensibilität in der Berufsorientierung - Anregungen für die Praxis

(2) Andrea Maihofer, Karin Schwiter, Nina Wehner: Geschlechtersegregation. Subtile Mechanismen beeinflussen die Berufswahl. Panorama Bildung, Beratung, Arbeitsmarkt, 5, S. 22-23

(3) Intersektionalität beschreibt das Zusammenkommen verschiedener Diskriminierungsformen in einer Person. Eine Person kann wegen ihres Geschlechts, aber zusätzlich aufgrund ihrer sozialen Herkunft, ihrer ethnische Zugehörigkeit oder ihrer Behinderung diskriminiert werden. Katharina Debus: "Ein gutes Leben!" Ansätze, Stolpersteine und Qualitätsmerkmale einer intersektionalen geschlechterreflektierten Pädagogik integrierter Berufs- und Lebensorientierung. In Christiane Micus-Loos, Melanie Plößer (Hrsg.): Des eigenen Glückes Schmied_in!? Geschlechterreflektierende Perspektiven auf berufliche Orientierungen und Lebensplanungen von Jugendlichen. Wiesbaden 2015, S. 125