Unterschiedliche berufsrelevante Vorerfahrungen berücksichtigen

Die Schülerinnen und Schüler kommen nicht als „unbeschriebenes Blatt“, sondern mit diversen Vorerfahrungen in die Werkstatt, die in der Regel bereits geschlechtsspezifisch geprägt sind.

Mädchen mit Mutter beim Fliesenabschlagen im Badezimmer

Zivica Kerkez

Jungen und Mädchen entwickeln bereits in der Grundschule Vorstellungen von Beruf, Arbeit und Verdienst. Schon im Alter von 6 bis 8 Jahren schließen Kinder Berufe aus, die als geschlechtsuntypisch empfunden werden. (1) Die Einflüsse der Familie und des sozialen Umfelds sind dabei entscheidend. Mädchen und Jungen werden durch Eltern, Erziehende, Lehrkräfte und andere Erwachsene unterschiedlich behandelt, was sich auch bei der Anregung von Lerngelegenheiten zeigt. So verwundert es nicht, dass Mädchen und Jungen im Teenie-Alter abhängig von ihrem Geschlecht unterschiedliche, informell erworbene Kompetenzen mitbringen. 

Es ist eine Herausforderung, den heterogenen Voraussetzungen zu begegnen, und die Aufgaben in der Werkstatt individuell am Erfahrungsstand der einzelnen Jugendlichen auszurichten. Ausbilderinnen und Ausbilder müssen sich jedoch in der Bewertung dieser unterschiedlichen Vorerfahrungen sehr zurückhalten. Denn wenig Erfahrung ist nicht gleichzusetzen mit fehlenden Potenzialen oder Talentlosigkeit. Da es in den Werkstatttagen nicht darum geht, ein für alle feststehendes Lernziel zu erreichen, sondern individuelle Möglichkeiten auszuloten, verbietet sich eine qualitative Bewertung nach einem für alle identischen Maßstab.

Lob, Komplimente, Hilfeleistungen

Abwertende Kritik als Reaktion auf Schülerleistungen ist unangebracht. Aber auch Lob, Komplimente und Hilfeleistungen sind nicht immer zielführend.

Dass Schülerinnen und Schüler durch die Praxisanleitung Ermutigung und Unterstützung erfahren, hilft den Jugendlichen, die Werkstatttage als Raum zum Kennenlernen der eigenen Stärken zu erleben. Lob, Komplimente und Hilfeleistungen sind dennoch „zweischneidige Schwerter“ „Wenn Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit und der darüber bestehenden negativen Stereotype positiv behandelt werden, dann bezeichnet man das als „wohlwollende“ oder auch „benevolente Diskriminierung". Anders als feindselige Diskriminierung, bei der man aufgrund seiner Gruppenmitgliedschaft schlechter behandelt wird, erhält man bei wohlwollender Diskriminierung aufgrund seiner Gruppenmitgliedschaft Hilfe, man wird gelobt oder bekommt besondere Aufmerksamkeit.“ (2)

Wenn also ein Junge im Werkbereich Textiles Gestalten überdurchschnittlich viel Unterstützung erfährt, obwohl seine Vorkenntnisse genauso groß oder gering sind wie die seiner Sitznachbarin, so deutet dies auf wohlwollende Diskriminierung durch die Ausbilderin hin. Diese erwartet eigentlich von einem Jungen keine passable Leistung in ihrem Gewerk, und offenbart dies durch ihr Hilfsangebot. Dem Jungen wird diese Motivation nicht unverborgen bleiben, das heißt, er erkennt die dahinterstehende Geringschätzung.


(1) Nach der "Eingrenzungs -und Kompromisstheorie der Berufswahl" von Linda Gottfredson: Gottfredson, Linda S. (1981). Circumscription and compromise: A developmental theory of occupational aspirations. Journal of Counseling Psychology, 28(6), 545–579. 

(2) Vgl.https://wissensdialoge.de/benevolentediskriminierung/