Workshop „Potenzialanalyse transparent und handlungsorientiert gestalten“

Transparenz, Handlungs- und Stärkenorientierung – wer an diesen Stellschrauben dreht, kann den Nutzen der Potenzialanalyse für Jugendliche erheblich steigern. Einblicke in den Workshop zur Potenzialanalyse.

Inhaltlicher Ausgangspunkt für den Workshop mit 50 Teilnehmenden war die letzte Evaluation des Berufsorientierungsprogramms zum Schwerpunkt Potenzialanalyse. Die Ergebnisse der Evaluation und des Workshops werden dazu genutzt, die Steuerung des Berufsorientierungsprogramms – dieses Mal hinsichtlich der Potenzialanalyse – zu optimieren.

Einblicke in die erste Evaluationsergebnisse zur Potenzialanalyse gab der Vertreter des Evaluationsteams Christoph Eckhardt (qualiNetz Beratung und Forschung GmbH) in seinem Impulsvortrag. Die Powerpoint-Präsentation des Vortrags steht Ihnen auf überaus (Community –> Gruppe Berufsorientierungsprogramm –> Dateiablage) zur Verfügung.

Eindrücke aus der Evaluation zum Schwerpunkt Potenzialanalyse

Christoph Eckhardt steht während seines Vortrags hinter einem Stehpult.

BIBB/BOP

Christoph Eckhardt fasste zunächst die positiven Evaluationsergebnisse zur Potenzialanalyse zusammen: Insgesamt entspricht die Potenzialanalyse den Qualitätsstandards und wird sauber durchgeführt. Trotz unterschiedlicher Personalstruktur wird sie durchweg von geschultem Personal umgesetzt; Verfahren und Umsetzungen entsprechen den Vorgaben. Es herrschte ein „respektvoller, lockerer, freundlicher und offener Kommunikationsstil“.

Es werden professionelle Methoden mit Ausrichtung auf soziale, methodische und personale Kompetenzen angewandt. Die Motivation der Schülerinnen und Schüler ist insgesamt gut und die Aufgabenstruktur ausgewogen zwischen Einzel- und Teamaufgaben, ruhigen und lebhaften Übungen sowie kreativen Aufgaben.

Folgende Optimierungsmöglichkeiten der Potenzialanalyse leitete Eckhardt aus den Evaluationsergebnissen ab:

Es sollte gegenüber den Schülerinnen und Schülern mehr Transparenz darüber hergestellt werden, welche Kompetenzen bei den einzelnen Übungen jeweils erfasst werden und welche die entsprechenden Beobachtungsschwerpunkte sind.

Manche Jugendliche können mit den Begriffen „Potenzial“ oder „Kompetenz“ wenig anfangen. Diese Kernelemente sowie die einzelnen Kompetenzen sollten anschaulich erklärt werden – und zwar vor der Durchführung der Aufgaben, nicht erst danach. Auf diese Weise können die Jugendlichen bestmöglich von der Potenzialanalyse profitieren.

Es sollte außerdem eine systematische Reflexion von Selbst- und Fremdeinschätzung stattfinden. In vielen Fällen wird die Gegenüberstellung von Selbst- und Fremdeinschätzung eher allgemein gehalten und nur selten direkt auf einzelne Aufgaben bezogen. Eckhardt empfahl, unmittelbar nach den Übungen Selbst- und Fremdeinschätzungsbögen auszufüllen. Driften die Einschätzungen von Jugendlichem und Beobachter stark auseinander, sollten diese Divergenzen im Gespräch unbedingt besprochen und verständlich erläutert werden.

Eine weitere Optimierungsmöglichkeit der Potenzialanalyse liegt darin, den Lebens- und Arbeitsweltbezug bzw. die Handlungsorientierung der Aufgaben zu verstärken. Teilweise haben die Aufgaben schulischen oder gar Testcharakter – dies gilt es zu vermeiden.

Optimierungsbedarf besteht auch in der Einbeziehung der Lehrkräfte. Eckhardt riet, die Lehrkräfte intensiver über die Methode der Potenzialanalyse zu informieren, damit die Ergebnisse auch an der Schule bestmöglich für die individuelle Weiterentwicklung der Schülerinnen und Schüler genutzt werden können.

Eckhardt resümierte: „Eigenes Erleben ist fast wichtiger als die pädagogischen Schlussfolgerungen des Anleitungspersonals“. Die genannten Evaluationsergebnisse sind im Detail im 2. Evaluations-Zwischenbericht nachzulesen.

Die drei Schwerpunkte des Workshops

Carolin Kunert steht während ihres Vortrags hinter einem Stehpult.

BIBB/BOP

Ausgehend von den genannten Optimierungsmöglichkeiten der Potenzialanalysen stellte Carolin Kunert (wissenschaftliche Mitarbeiterin des Berufsorientierungsprogramms mit dem fachlichen Schwerpunkt Potenzialanalyse) die drei Schwerpunkte dieses Workshops auf und formulierte zentrale Fragestellungen:

Schwerpunkt 1: Transparenz

Die Schülerinnen und Schüler sollen Ziel, Ablauf und Bedeutung der Potenzialanalyse verstehen. Sie müssen nachvollziehen können, was wann und mit welchem Zweck stattfindet. Durch dieses Verstehen – also bessere Transparenz – erschließt sich den Jugendlichen die Bedeutung der Potenzialanalyse für ihre persönliche Berufsorientierung. Transparenz ist Voraussetzung dafür, dass Jugendliche motiviert sind. Daher müssen die Informationen zur Potenzialanalyse auch auf sprachlicher Ebene allen verständlich sein.
Doch es werden aus der Praxis immer wieder auch Bedenken geäußert – zum Beispiel: Die Jugendlichen könnten sich verstellen, wenn ihnen Ziel und Zweck einer Übung bekannt ist. Oder: Es geht zu viel Zeit durch Erläuterungen verloren. Aus diesen Überlegungen ergaben sich die folgenden zentralen Fragen für den Workshop:
„Wieviel Transparenz ist notwendig? Und wie kann man sie einbetten?“


Schwerpunkt 2: Handlungsorientierung

Mit den Aufgaben der Potenzialanalyse sollen Situationen geschaffen werden, in denen Anforderungen selbstorganisiert zu bewältigen sind – idealerweise praxisnahe Übungen, die mit Aktivität der Schülerinnen und Schüler verbunden sind.
Es gibt zwar verschiedene pädagogische Ansätze, die sich auf die Handlungsorientierung beziehen (zum Beispiel das Modell der vollständigen Handlung), doch ist der Begriff „Handlungsorientierung“ – insbesondere in Bezug auf die Potenzialanalyse – nicht einheitlich definiert. Für den Workshop ergab sich hieraus die Fragestellung: 
„Handlungsorientierung ist mehr als manuelles Tun, aber was genau?“


Schwerpunkt 3: Stärkenorientierung

Die Potenzialanalyse ist ressourcenorientiert. Sie untersucht, über welche Kompetenzen eine Person verfügt und was sie damit noch erreichen kann. Die Schülerinnen und Schüler werden unterstützt, sich als kompetent zu erleben und eigene Stärken und Ressourcen zu erkennen.
Unsicherheiten bei der Umsetzung des Prinzips der Stärkenorientierung treten unter anderem in Bezug auf Bewertungen von Schülerinnen und Schülern in Skalen auf. Häufig vergleichen die Jugendlichen ihre Kompetenzprofile miteinander. Sollte man hier vermeiden, dass Schwächen – zum Beispiel in Form eines leeren Kompetenzprofils oder niedriger Punktwerte auf einer Skala – wahrgenommen werden? Wäre es überhaupt möglich, dies zu vermeiden? Für den Workshop ergeben sich die zentralen Fragen:
„Was heißt denn nun Stärkenorientierung? Wie formuliere ich Kritik? Darf ich das überhaupt?“

Transparenz, Handlungs- und Stärkenorientierung: Was diskutiert wurde

Die drei zentralen Optimierungsbereiche in der Potenzialanalyse wurden im weiteren Workshop-Verlauf zunächst in Kleingruppen diskutiert. Die wichtigsten Diskussionspunkte und -ergebnisse wurden auf Metaplanwänden (als Fotos auf überaus einsehbar) festgehalten. Abschließend wurden die Themen Transparenz, Handlungsorientierung und Stärkenorientierung in größerer Runde diskutiert.

Im Folgenden lesen Sie eine inhaltliche Zusammenfassung der zentralen Diskussionsbeiträge.

Diskussion zum Thema „Transparenz“

Transparenz auf Makro- und Mikroebene

Transparenz soll sowohl auf Makro- als auch auf Mikroebene hergestellt werden. Die Makroebene bezieht sich auf den schulischen Rahmen: Wenn Schülerinnen und Schüler den Nutzen der Potenzialanalyse für die Berufsorientierung nicht erkennen, liegt dies oft daran, dass das Thema Berufsorientierung noch zu abstrakt für sie ist.

Die Potenzialanalyse ist oft die erste Maßnahme im Berufsorientierungsprozess. Jugendliche empfinden das Thema  als „von außen aufgesetzt“ und zu fern von ihren persönlichen Interessen. Daher ist es hilfreich, Sinn und Zweck von Berufsorientierung und Potenzialanalyse in den Klassen zu erarbeiten und die Potenzialanalyse hier vor- und nachzubereiten.

Die Mikroebene bezieht sich auf den Ablauf einer Potenzialanalyse: Vor jeder Übung sollte erläutert werden, auf welche Kompetenzen es jeweils ankommt. Auch sollte zu jeder Übung eine Selbst- und Fremdeinschätzung erfolgen.

Transparenz = Verständnis

Die Schüler müssen verstehen, was sie bei der Potenzialanalyse machen und zu welchem Zweck. Nicht nur bei der Evaluation des Berufsorientierungsprogramms, sondern auch bei der Evaluation der Initiative Bildungsketten wurde festgestellt, dass die Jugendlichen die Potenzialanalyse nicht in ihren Berufsorientierungsprozess einordnen können.

Potenzialanalyse, Kommunikationsfähigkeit etc. – diese Begriffe müssen den Schülerinnen und Schülern bereits vor den Übungen der Potenzialanalyse erklärt werden. Denn die Jugendlichen verstehen zwar die konkreten Aufgabenstellungen in der Potenzialanalyse. Doch was ist der Zweck des Ganzen? „Der Schüler muss verstehen, warum er diese Übung machen soll.“ Er sollte also vor jeder Übung genau erfahren, auf welche Kompetenzen es jeweils ankommt. „So entsteht Motivation: Der Funke muss überspringen.“

Erkenntnisprozess

Unmittelbares Feedback im Anschluss an jede Übung ist wichtig für den Erkenntnisprozess des Jugendlichen. Das heißt: Feedback sollte nicht erst als Zusammenfassung am Schluss gegeben werden, sondern immer wieder im Verlauf der Potenzialanalyse.

Man kann die Selbstreflexion der Jugendlichen anregen, indem z.B. Persönlichkeitsmerkmale und dazu passende Berufe von ihnen selbst erarbeiten werden. So könnte man fragen: Für welchen Beruf kann das Merkmal Kommunikationsfähigkeit von Bedeutung sein?

Transfer

Die Potenzialanalyse und die Werkstatttage sind sehr oft der Grundstein im Berufsorientierungsprozess. Wichtig ist vor allem der Transfer der Ergebnisse der Potenzialanalyse mit Blick auf die spätere Berufswahl. Im Auswertungsgespräch muss dem Jugendlichen genau erläutert werden, wie er mit den Ergebnissen seiner Potenzialanalyse weiter arbeiten kann. „So vergisst der Jugendliche die Potenzialanalyse nicht direkt.“

Unter Umständen sind mit der Potenzialanalyse bei den Schülern Denkprozesse angestoßen worden, doch die Jugendlichen können sie nicht verbalisieren und nach außen kommunizieren. Wenn die Lehrerinnen und Lehrer nach Ende der Maßnahme nicht mehr darauf eingehen, können die Ergebnisse keine langfristigen Einflüsse auf die Jugendlichen haben.

Lehrerinnen und Lehrer

Die Lehrerinnen und Lehrer fungieren als Katalysator: Wenn sie den Nutzen der Potenzialanalyse verstehen und verinnerlichen, können sie ihn deutlich verstärken und mit den Analyseergebnissen weiterarbeiten. Als problematisch stellt sich manchmal eine gewisse „Kontrahaltung“ von Lehrern dar.
Um eine Kultur der Transparenz und Einsicht über die Wichtigkeit von Berufsorientierung und Potenzialanalyse zu erzeugen, muss dies also auch den Lehrern engagiert nahegebracht werden. Auch sollte erörtert werden,  dass Berufswünsche der Schülerinnen und Schüler realistisch sein müssen – und dass die Potenzialanalyse eben genau dabei hilft. Auch die höheren Instanzen - wie z.B. die Schulleitung – sollten eingebunden werden.

Eltern

Auch die Eltern sind wichtige Akteure und müssen aktiv in den Berufsorientierungsprozess und die Potenzialanalyse eingebunden werden. Manche Eltern sind der Meinung, dass ihr Kind keinen handwerklichen Beruf erlernen soll; entsprechend messen sie der Berufsorientierung in diesem Bereich keine Bedeutung zu. Träger müssen aktiv auf Eltern zugehen und verschiedene Kommunikationskanäle (Elternabende, Elternbriefe etc.) ausschöpfen.

Öffentlichkeitsarbeit und finanzielle Mittel

Natürlich ist auch die Öffentlichkeitsarbeit ein wesentlicher Kanal für Transparenz. Was noch benötigt wird, ist Material in einfacherer Sprache (auch z.B. für Flüchtlinge), Bild- und Videomaterial. Es wird angeregt, noch mehr Materialien für die Öffentlichkeitsarbeit zentral bereitzustellen – so dass es auf einzelne Träger nur noch angepasst werden muss. In diesem Zusammenhang wird auch auf das Spannungsverhältnis zwischen Transparenz und Kosten hingewiesen.

Diskussion zum Thema „Handlungsorientierung“

Definition Handlungsorientierung

Handlungsorientierung wird als ein vager Begriff wahrgenommen. Übereinstimmung besteht in der Meinung, dass der Weg – im Unterschied zu Schule – wichtiger ist als das Ergebnis.
Die  Handlungsorientierung hängt vom gewählten Instrumentarium (Hamet 2, Profil AC etc.) ab. Sie beinhaltet, dass die Teilnehmenden bei den Übungen aktiv und offen sind. Man muss sie zum Handeln und nicht nur zum (rein manuellen) Tun motivieren.

Tendenz zur Mitte

Es wird befürchtet, dass die Zusammenführung der Beobachtungen während der Potenzialanalyse eine Tendenz zur Mitte bewirkt – also letztendlich häufig zu einer durchschnittlichen Bewertung einzelner Kompetenzmerkmale. Diese Befürchtung wird von anderen Workshop-Teilnehmenden  hingegen nicht bestätigt: Während der Beobachterkonferenzen wird diskutiert und argumentiert und dadurch die Tendenz zur Mitte vermieden.

Das Endergebnis könnte natürlich ein Mittelwert sein; daher ist es wichtig, bei den Auswertungsgesprächen auf die einzelnen Übungen einzugehen. Wenn zum Beispiel dieselbe Kompetenz in  den einzelnen Übungen unterschiedlich zum Vorschein kam, kann dies als Ergebnis differenziert festgestellt werden.

Beispiele für berufsbezogene handlungsorientierte Übungen

Man kann Handlungsorientierung zum Beispiel über die Form des Planspiels erreichen, wie etwa die Herstellung eines Handys. Das Planspiel müsste die verschiedenen Aspekte von der Planung über die Produktion und die Qualitätsprüfung bis hin zur Vermarktung umfassen.
Im Bereich Verkauf könnte eine Kundenberatungssituation kreiert werden: Anhand eines Gemüsekorbs wird ein Kunde beraten, der ein bestimmtes Gericht zubereiten möchte und Zutaten dafür benötigt. Beobachtet werden unter anderem Struktur- und Kommunikationsfähigkeit, Sorgfalt und Arbeitseinstellung.

Darüber hinaus werden die Drahtbiegeübung und die Anfertigung einer Buchstütze aus drei vorgegebenen Holzbrettern genannt. Das Fazit zu diesem Punkt lautet: Es muss Klick machen bei den Schülern, sie müssen sich altersgerecht angesprochen fühlen und eine Leidenschaft dafür entwickeln können. Das erfordert einen bunten Mix aus verschiedensten Aufgabenstellungen.

Diskussion zum Thema „Stärkenorientierung“

Design der Übungen

Gut ausgewählte Übungen geben den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, ihre persönlichen Stärken zu zeigen. Die Aufgaben müssen so gestaltet werden, dass Erfolge möglich sind, aber auch differenziert bewertet werden können. Sie sollten ein großes Spektrum an Herangehensweisen und Lösungen ermöglichen – nicht nur ja oder nein, richtig oder falsch. Wichtig ist ein offenes Ende, keine starre Ergebnisvorgabe. Außerdem ist eine Mischung verschiedener Aufgabentypen und Sozialformen wichtig, so dass unterschiedliche Talente gezeigt werden können.

Die Aufgaben sollten darüber hinaus für unterschiedliche Leistungsniveaus geeignet sein. Entweder kann es verschiedene Varianten einer Aufgabe oder verschiedene Aufgaben im Sinne von Ersatzübungen für unterschiedliche Leistungsniveaus geben. Ebenfalls sollte auf eine ausgewogene Mischung aus Einzel- und Gruppenaufgaben geachtet werden.

Flexibilität bei der Beobachtung

Häufig sind einer Übung bestimmte zu beobachtende Merkmale zugeordnet. Manche Träger empfinden es als einschränkend, nur auf diese vorgegebenen Merkmale zu achten. In der Runde wurde darüber diskutiert; entgegen der Vorgaben der Qualitätsstandards wird teilweise bei Schülerinnen und Schülern, bei denen „das Blatt leerzubleiben droht“, auch auf weitere Merkmale jenseits der vorgegebenen geachtet. Es kommt auf das Design der Potenzialanalyse an: Lässt es Raum für weitere Beobachtungen? Ganz konkret müsste auch genügend Raum auf den Bewertungsbögen zur Verfügung stehen.

Bei den Jugendlichen ist es wichtig, auch „über den eigenen Tellerrand hinaus“ zu beobachten und nach weiteren Merkmalen zu suchen. Die Beobachtenden „müssen ihre Sinne schärfen“: Schülerinnen und Schüler mit vermeintlich wenig Stärken finden andere Wege, sich einzubringen. „Selbst 'ne große Klappe haben ist eine Kompetenz.“

Unvoreingenommenheit

Eine wichtige und allbekannte Grundregel bei der Potenzialanalyse lautet: Trennung zwischen Beobachtung und Bewertung. Auch mit Vorwissen über Leistungen oder Verhalten in der Schule sollten die Beobachtenden bei der Potenzialanalyse unvoreingenommen sein.

Ebenso sollten schulische Akteure dafür sensibilisiert werden, wie wichtig Unvoreingenommenheit in Bezug auf die Ergebnisse ist, welche die Jugendlichen von der Potenzialanalyse mitbringen. Es wird berichtet, dass manche Lehrkräfte ihren Schülerinnen oder Schülern die positiven Ergebnisse „madig“ machen, wenn sich diese nicht mit den eigenen Erfahrung zu dem jeweiligen Jugendlichen decken.
Dem kann man vorbeugen, indem man den Lehrkräften die Methode vor deren Durchführung so ausführlich wie möglich erklärt. Dies gibt ihnen die Chance, aus ihren „üblichen“ Rollen auszutreten; sie können es spannend finden, ihre Schüler von ihrer anderen Seite zu sehen.

Schwächen kommunizieren?

Stärkenorientierung bei der Potenzialanalyse wird in der Runde als Selbstverständlichkeit wahrgenommen: Bei Rückmeldungen sollte man natürlich auf die Stärken fokussieren. Doch wie verfährt man mit beobachteten Schwächen? Sollen diese zurückgemeldet werden? Nur mündlich? Schriftlich? Gar nicht?
Die Diskussionsgruppe ist geteilter Meinung. Eine Meinung lautet: Es sollen nur die Stärken zurückgemeldet werden. Wir wollen Talente entdecken! Jeder kennt seine Schwächen und wurde bereits in der Schule allzu oft auf sie hingewiesen.

Andere wollen den Umgang mit Schwächen von der Situation abhängig machen: Wenn ersichtlich ist, dass ein Schüler sich nicht wirklich angestrengt hat, kann man dies durchaus zurückmelden.
Andere Diskussionsteilnehmer befürworten es generell, Schwächen zu kommunizieren. Wenn man nur Stärken zurückmeldet, könnte dies für manche Schülerinnen und Schüler problematisch sein, da sie keine realistische Vorstellung von den eigenen Stärken und Schwächen entwickeln. Es ist wichtig zu erkennen, dass man nicht auf jedem Gebiet gut sein kann.

Grundsätzlich sollte dem Jugendlichen transparent gemacht werden, dass jeder Mensch Schwächen hat und dass dies in Ordnung ist. Wenn man Schwächen zurückmeldet, ist die Art und Weise, wie man dies tut, ausschlaggebend: „Der Ton macht die Musik.“ Schwächen können als Entwicklungsziele formuliert und separat dokumentiert werden.

Man muss dem Jugendlichen eine Entwicklungsperspektive geben und ihm sagen, auf welchem Weg er zu einem Ziel gelangt. Auf diese Weise eröffnet man ihm die Chance, Stärken daraus zu entwickeln. Da er bei der Potenzialanalyse nicht in seinem gewohnten Umfeld ist, ist er mit größerer Wahrscheinlichkeit aufnahmebereit für Optimierungsmöglichkeiten.

Was tut man, wenn das Stärkenblatt eines Schülers oder einer Schülerin auffallend leer geblieben ist? Dem wird entgegengehalten: Niemand hat ein leeres Kompetenzprofil. Es muss genauer beobachtet werden (s.o.: Flexibilität der Beobachtung).

Schwächen sollen auch vor dem Hintergrund genannt werden, dass die Berichte hauptsächlich von den Lehrerinnen und Lehrern gelesen werden. So können diese den Jugendlichen helfen, ihre Kompetenzen gezielt weiterzuentwickeln.

Grundsätzlich gilt: Viele Schülerinnen und Schüler bekommen zu selten positive Rückmeldung. Deswegen wird in der Runde betont: Man kann nicht oft genug loben!

Bewertung in Skalen

Diskutiert wurde auch die Bedeutung von Skalenwerten, denn diese bilden automatisch auch Schwächen ab.  Die Schülerinnen und Schüler vergleichen ihre Zertifikate miteinander. Sobald ein Vergleich gezogen wird, gibt es im Grunde Skalen – nur in unterschiedlichen Formen.

Eine Bewertungsform der beobachteten Merkmale ist die Abbildung auf einer offensichtlichen Skala, z.B. von eins bis fünf. Eine abgemilderte Form wäre die Aussage: Dieses Merkmal ist weniger oder mehr ausgeprägt.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, nicht beobachtete Merkmale gar nicht im Kompetenzprofil aufzuführen – sondern nur eben jene, die beim Schüler beobachtet wurden. So sind auf dem Zertifikat nur die Merkmale mit den besten Werten abgebildet. Wenn die Jugendlichen nun ihre Zertifikate miteinander vergleichen, stellen sie lediglich fest, dass unterschiedlich viel darauf steht – aber sie freuen sich über jede positive Rückmeldung.

Transfer:

In der Praxis wird beobachtet, dass Schülerinnen und Schüler sich die konkreten Aufgaben der Potenzialanalyse merken und darüber sprechen. Ihre Stärken – also das, worauf es letztendlich ankommt – scheinen insgesamt weniger präsent zu sein. Daher müssen die Kompetenzen noch deutlicher vermittelt werden, so dass die Jugendlichen sie verstehen. (Siehe auch oben die Diskussion zum Thema Transparenz.)

Auch aus diesem Grund wird wiederholt betont, mehr Feedback unmittelbar nach den Aufgaben zu geben – und nicht erst am Ende. So ist die Bewertung nicht losgelöst vom subjektiven Wahrnehmen der Jugendlichen. Denn: „Es kommt mehr auf das Erleben an, als auf die Analyse und die pädagogischen Schlussfolgerungen.“

Ein weiterer Kommentar bezieht sich auf die Chance von Unvoreingenommenheit während der Beobachtungen: „Es sind die Überraschungsmomente, die beim Jugendlichen hängenbleiben: wenn eine Stärke angesprochen wird, die in der Schule so noch nie beobachtet wurde.“

Impression aus den Arbeitsgruppen und dem Fishbowl

Teilnehmer im Fishbowl.

Die Workshop Teilnehmer diskutieren im sogenannten Fishbowl ihre Arbeitsergebnisse aus den Kleingruppen. Beim Fishbowl diskutiert eine kleine Gruppe von Teilnehmern im Innenkreis (im „Goldfisch-Glas“), während die übrigen Teilnehmer in einem Außenkreis die Diskussion beobachten. Möchte ein Teilnehmer aus dem Außenkreis zur Diskussion beitragen setzt er sich auf den freien Stuhl im Innenkreis. Nach seinem Diskussionsbeitrag macht er diesen wieder frei, um einem anderen Teilnehmer aus dem Außenkreis die Mitarbeit im Innenkreis zu ermöglichen. Teilnehmer aus dem Außenkreis können den Teilnehmer im Innenkreis auch „abklopfen“. Dieser macht dann seinen Platz für den Teilnehmer aus dem Außenkreis frei.

BIBB/BOP

Ausblick

Die Erkenntnisse der Evaluation und die Hinweise aus der Praxis fließen in einen Leitfaden zur Potenzialanalyse ein, welcher zur Jahrestagung des Berufsorientierungsprogramms veröffentlicht wird.

Ein weiterer Workshop mit dem Schwerpunkt „Werkstatttage“ findet am 17. September in Leipzig statt.

Autorinnen: Rozaliya Dimitrova, Anne Gassen

Dokumente und Links

Material zur Veranstaltung auf überaus
Loggen Sie sich mit Ihrem persönlichen Nutzernamen in das Fachkräfteportal ein und laden Sie sich die Präsentationen der Redner sowie die Ergebnisse der Arbeitsgruppen herunter.

überaus

Zweiter Evaluations-Zwischenbericht
Die zentralen Diskussionspunkte Transparenz, Handlungsorientierung und Stärkenorientierung wurden aus den Ergebnissen der Evaluation zum Berufsorientierungsprogramm abgeleitet. Im zweiten Zwischenbericht können die Ergebnisse diese im Detail nachlesen.

Zweiter Zwischenbericht Evaluation

Alle Evaluationsberichte
Weitere Berichte der Evaluation zum Berufsorientierungsprogramm decken neben der Potenzialanalyse andere inhaltliche Schwerpunkte ab. Eine Übersicht über alle Evaluationsberichte und Kurzzusammenfassungen finden Sie hier.

Alle Evaluationsberichte zum BOP

Qualitätsstandards zur Potenzialanalyse 2015
Die Qualitätsstandards zur Potenzialanalyse 2015 sind gültig für alle Förderanträge ab dem ersten Januar 2015.

Qualitätsstandards der Potenzialanalyse 2015

Qualitätsstandards zur Potenzialanalyse 2010
Für alle BOP-Maßnahmen der Antragsrunden 2013 und 2014 gelten weiterhin die Qualitätsstandards 2010.

Qualitätsstandards der Potenzialanalyse 2010